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Mit dem EAN-Ortskern Kehl-Hanauerland auf den Spuren des "Jüdischen Kippenheim"
Informationsbrief Evangelische Arbeitnehmerschaft Baden e.V.  -  Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt
Nr. 2/2005  -  Monat Juni 2005 

Am Mittwoch, dem 06. April 05, war es soweit. Ilse Eckert kam mit etwa 30 EAN-FreundInnen mit dem Bus aus dem Hanauerland nach Kippenheim. Pünktlich um 17:30 Uhr traf die Gruppe bei der Kippenheimer Hauptschule ein, wo sie von Frau Renate Kreplin vom "Förderverein, ehemalige Synagoge Kippenheim e.V." in Empfang genommen wurde. Aus Denzlingen kamen Sabine und Joachim Keim hinzu.

Der Rundgang durch das "jüdische Kippenheim" führte von der Schule durch das "Judengässle", dem Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde im 17./18. Jahrhundert und in die Poststraße zur ehemaligen Synagoge, Zentrum des jüdischen Lebens im 19./20. Jahrhundert.

Dort erläuterte Renate Kreplin mit viel Hintergrundwissen die wechselvolle Geschichte des Gebäudes - einem Kultur-Denkmal von besonderer Bedeutung für Baden-Württemberg. Nach erfolgter Innenrenovierung dient die einstige Synagoge (erbaut 1852) seit dem Jahre 2003 als Gedenk-, Lern- und Begegnungsstätte für die mittelbadische Region. Somit steht Kippenheim stellvertretend für die einst blühenden jüdischen Gemeinden in der südlichen Ortenau (u.a. Ettenheim, Rust, Schmieheim, Diersburg, Nonnenweiher).

Der badische Ort Kippenheim beheimatete über 250 Jahre lang eine bedeutende jüdische Gemeinde. Die ersten Juden ließen sich nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) in Kippenheim nieder. Aus diesen kleinen Anfängen heraus entwickelte sich eine der größten jüdischen Landgemeinden Badens - im Jahre 1871 lebten 323 Menschen (= 15%) jüdischen Glaubens im evangelisch dominierten Kippenheim.

Unverkennbar prägten die jüdischen Einwohner/innen das Dorfleben in markanter Weise mit.

Die antisemitische Politik der Nationalsozialisten zeigte seit 1933 auch in Kippenheim ihre Auswirkungen. Für die 144 Juden und Jüdinnen, die jetzt noch in dem Ort wohnten, wurden die Lebensbedingungen immer schwieriger. Viele von ihnen gingen den Weg in die Emigration. Der schreckliche Höhepunkt dieser Entwicklung waren die landesweiten Ausschreitungen in der so genannten "Reichskristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938. Die Kippenheimer Synagoge wurde dabei von Mitgliedern der Lahrer HJ-Gebietsführerschule gestürmt. Der Mob zerstörte und plünderte die Inneneinrichtung des Gotteshauses. Ein schon gelegter Brandsatz wurde wieder gelöscht, da man befürchtete, das Feuer könne auf angrenzende Privathäuser übergreifen. Sämtliche jüdischen Männer des Ortes wurden am folgenden Tag in das KZ Dachau verschleppt, von wo sie erst nach Wochen wieder zurückkehren konnten.

Vierzehn Tage nach der "Reichskristallnacht" ließ der Lahrer NSDAP-Kreisleiter die beiden Gesetzestafeln vom Giebel der Synagoge hinunterstürzen. Obwohl es danach von seitens der Gemeinde Kippenheim Überlegungen gab, die Synagoge abzureißen, überdauerte das Gebäude den Zweiten Weltkrieg.

In den Jahren der NS-Diktatur verließen über Dreiviertel der jüdischen Gemeindemitglieder das Dorf. 1938 lebten noch 73 jüdische Menschen in Kippenheim, von denen viele nach den Ausschreitungen im November des Jahres flohen. Am 22. Oktober 1940 wurden 31 noch in Kippenheim verbliebene Jüdinnen und Juden unter den Augen der Öffentlichkeit von einem Polizeikommando mit Lastwagen abgeholt, nach Offenburg gebracht und von dort mit einem Sonderzug zusammen mit den anderen badischen Jüdinnen und Juden in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert.

Gurs stellte für die meisten von ihnen nur die Zwischenstation auf dem Weg in die nationalsozialistischen Vernichtungslager in Osteuropa dar.

Von den 1933 noch im Ort lebenden jüdischen Gemeindemitgliedern wurden mindestens 30 Personen von den Nationalsozialisten ermordet. Dieser Zahl müssen mindestens 19 weitere aus Kippenheim stammende Jüdinnen und Juden hinzugerechnet werden, die vor 1933 ihren Wohnort gewechselt hatten.

 

Die über 2 Stunden andauernde hervorragende Führung und das Gespräch in der ehemaligen Synagoge bewegte die Teilnehmer/innen sehr. Mit einem Abendessen in der "Bürgerstube" endete dieser Ausflug in die Vergangenheit.

Im Zusammenhang mit dem Besuch in Kippenheim darf ich an ein Wort erinnern, das die EAN-Baden unter dem damaligen Vorsitzenden Werner Schlegel im Frühjahr 1995 zum 50. Jahrestag des Endes von Krieg und Naziterror veröffentlichte:

"Wo die Mehrheit Minderheiten ausgrenzt, wird die Wahrheit allzu leicht verleugnet und unterdrückende Gewalt richtet sich gegen die Opfer. Die offene Ausgrenzung und die brutale Gewaltanwendung sind Endstufen einer Entwicklung, die oft in unscheinbaren Vorgängen des Alltags ihren Anfang nimmt. Es erfordert Mut und Standhaftigkeit, die Anpassung zu verweigern und dem Unrecht schon im Kleinen Widerstand zu leisten."

Joachim Keim, Denzlingen, im Mai 2005
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