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BVEA - Rundschau Ausgabe 2010 - 3 - Freude Schenken - vom Geben und Nehmen - Klaus Reinhardt zur Startseite

Freude Schenken

Vom Geben und Nehmen

Weihnachtskugeln - Bild Elke LartzDie Zeit der Feiertage liegt vor uns: Die Wochen des Advents, der Nikolaustag, der Heilige Abend, die Weihnachtstage, Silvester, der Neujahrstag und Epiphanias.

Mit dem Weihnachtsfest verbinden die meisten Menschen die schönsten Kindheitserinnerungen. Grundsätzlich haben Rituale eine große Bedeutung für unser Leben. Dazu gehört auch das Geschenkritual. Wir schenken, weil es uns zuerst guttut und dann erst dem anderen. Die Begeisterung für das Schenken ist keine Sache des Vermögens. Wer wenig hat, schenkt mit ziemlich dem gleichen Spaß wie jemand, der etwas mehr besitzt. Bereits kleine Geschenke machen die Schenkenden glücklich.

Das Schenken soll Menschen verbinden. Mit einem Geschenk demonstrieren wir, dass wir an den anderen gedacht haben. Durch das Schenken werden auf alle Fälle soziale Beziehungen gefestigt. Das menschliche Handeln berührt grundsätzlich das Verhältnis zu allen anderen Menschen. Sobald der Gebrauch der Güter eine Rolle spielt, gibt es Überlegungen zur Weitergabe von Gegenständen: Tausch, Verkauf, Vermietung, Verpachtung, Leihe oder Geschenk. Alle diese Aktionen vermitteln den beteiligten Personen die Erfahrung, gemeinsam mit mit anderen zu leben, und zwar möglichst ohne Streit oder gar Gewalt.

Andererseits wird dem Empfänger einer Gabe bewusst, dass er mit dem Geschenk verantwortungsvoll und auch gemeinnützig umgehen soll. Das führt zur Anerkennung der in vielen Kulturen und Religionen formulierten „Goldenen Regel“: Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!

Aus christlicher Überzeugung folgt daraus die Glaubenserkenntnis, dass jeder Mensch sowie Christus alle materiellen und auch ideellen Bedürfnisse in Demut und Freiheit von Gott als Geschenk erfüllt bekommt. Der Mensch darf nicht von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen instrumentalisiert werden. Er hat nämlich die Freiheit, sich in seinem Leben auf sein letztes Ziel auszurichten, das schließlich die Erfüllung seines Schicksalsdarstellt, nämlich das Geschenk Gottes mit dem Übergang in sein Reich. Eine wesentliche Aufgabe, die Gott, der Schöpfer, den Menschen zugewiesen hat, umfasst die Aufforderung, die Erde zu bebauen und den Garten Eden zu hüten. Diese Güter und die Lebewesen, die der Mensch nicht geschaffen oder erworben, sondern als kostbare Geschenke erhalten hat, muss er in seiner Verantwortung vor Gott versorgen und vor Schaden bewahren. Das Werk seiner Hände, die menschliche Arbeit, ist ursprünglich weder Strafe noch Fluch. Sie wird erst nach dem Sündenfall Adams und Evas zu Mühe und Last.

Beim Umgang mit den wirtschaftlichen Gütern stoßen wir schnell auf das Phänomen der Ungleichheit. Armut und Reichtum prägen alle menschlichen Gesellschaften. Reichtum als Merkmal einer sozialen Rangordnung ist nur verwerflich, wenn er den Armen gegenüber von Betrug, Wucher, Ausbeutung und Ungerechtigkeiten gekennzeichnet ist. Der Reiche ist ein Mensch, der durch das Werk seiner Hände und eine klugen Haushaltsführung wertvolle Waren oder hohe Geldbeträge erworben hat. Der Arme besitzt nur wenige oder keine dieser Schätze. Beide sollten in der Lage sein, die unterschiedliche Bewertung der Güter zu erkennen und alle Besitztümer als göttliche Geschenke zu bewahren. Ein Geschenk ist demnach eine Gabe, die der Schenker einem anderen Menschen endgültig und unentgeltlich zugedacht hat. Einen Empfänger, der aus Not - sei es nach einem religiös motivierten Recht oder einer von der Obrigkeit auferlegten Pflicht für den Geber - einen Fremden um eine Gabe bittet (ein Almosen), nennen wir einen Bettler. Erst im 19. Jahrhundert löste die staatliche Armengesetzgebung die privaten oder kirchlichen Wohltätigkeitseinrichtungen ab.

An dieser Stelle sei eine Geschichte zitiert, die Rainer Maria Rilke während eines längeren Paris-Aufenthalts erlebt hat: Tag für Tag kam er an einer Bettlerin vorbei. Seine Begleiterin gab der armen Frau jedes Mal einen Obulus, der Dichter nie. Eines Nachmittags fragte sie nach dem Grund. „Wir müssen ihrem Herzen etwas schenken, nicht ihrer Hand“, so seine Antwort. Am nächten Tag brachte Rilke der Bettlerin eine aufgeblühte weiße Rose mit. Die Frau blickte hoch, tastete nach der Hand des Mannes, küsste sie - erhob sich dann, ging mit der Blume von dannen und blieb fortan verschwunden. Erst nach acht Tagen saß die Bettlerin wieder am gewohnten Platz. „Aber wovon hat sie all die Tage gelebt, da sie doch nichts erhielt?, fragte die junge Frau den Dichter. Rilke antwortete knapp: „Von der Rose!“

 

Klaus ReinhardtKlaus Reinhardt, RAKÜ e.V., Hamburg

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