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BVEA - Rundschau Ausgabe 2-2010zur Startseite Thema: Finanzwirtschaft / Zahltag - Reinhard Ziegler

Thema: Zahltag

Noch wird das Publikum durch Sündenböcke – heute Griechenland, morgen Spanien – abgelenkt

      „Ich führe Euch goldenen Zeiten entgegen“, Kaiser Wilhelm II.

      „Großbritanniens beste Zeit kommt erst noch“, David Cameron.

      „Es muss alles erst schlechter werden, damit es dann besser wird“, Angela Merkel.

Beim letzten deutschen Kaiser darf man davon ausgehen, dass es Dummheit und Größenwahn waren, die ihm diese und andere törichte Worte in den Mund legten. Bei David Cameron und Angela Merkel muss befürchtet werden, dass sie ihre Zuhörer eher für dumm verkaufen wollen.

Die Polit-Elite ist nicht nur faktisch, sondern auch argumentativ am Ende. Sie flüchtet sich in Durchhalte - Parolen, befiehlt der Wirtschaft das Wachsen per Gesetz und verteidigt verbissen die Alternativlosigkeit jeder Mini-Entscheidung, die morgen bereits revidiert wird. Planvolles und weitsichtiges Regieren gilt bis auf weiteres als eingestellt.

Dabei hat Ende 2008 durchaus die Chance bestanden, das marktwirtschaftliche System vom Kopf auf die Füße zu stellen oder zumindest damit zu beginnen. Das Geld, das man den maroden Banken zur Verfügung gestellt hat, um ihren Zusammenbruch zu verhindern, gab es nämlich gar nicht. Nicht vor dem Crash und nachher erst recht nicht. Es war eine Blase aus Derivaten, Leerverkäufen, faulen Krediten, Währungsmanipulationen und ähnlichem, die eigentlich hätte platzen müssen, um Realwirtschaft und Finanzsektor in einem ersten Schritt einander wieder anzunähern. Das wurde verhindert. Nun wird diese Blase noch dicker und in ein paar Jahren platzen.

Soziale Ausgewogenheit muss den Markt beherrschen - nicht umgekehrt

Dem globalen Brutto- Sozialprodukt von ca. 50 Billionen Dollar jährlich steht ein Geldvermögen in 4-facher Höhe gegenüber. Im Jahre 1979 hatte dieses Verhältnis noch 10 : 12 Billionen Dollar betragen. Die geforderte Verzinsung dieses reinen Buchvermögens, an dem übrigens auch wieder jene Banken beteiligt sind, die zuvor gerettet worden waren, ist durch die Realwirtschaft nicht zu leisten. Wenn Real- und Finanzwirtschaft im Verhältnis 1 : 4 zueinander stehen, hat Geld seine eigentliche Funktion, nämlich Tauschgeschäfte nominal zu bewerten, weitgehend eingebüßt und läuft damit Gefahr, buchstäblich seinen Wert zu verlieren. Dieser Prozess läuft auch ohne messbare Inflation ab. Verräterisch offengelegt wird die Missachtung der Funktion des Geldes allerdings durch die fiktive Bereitstellung immer höherer Milliardenbeträge zur Stützung von Währung und Wirtschaft. Würden diese Maßnahmen nicht benötigt, könnte man auf sie verzichten. Müssten sie jedoch greifen, wären die Milliarden faktisch gar nicht vorhanden.

Eine weltweite Verschuldung, die anderthalb mal so hoch ist wie das entsprechende Brutto-Sozialprodukt, trifft auf die Aussichtslosigkeit, Wirtschaftswachstum zum Abbau der Schulden ohne erneute Verschuldung zu erreichen. Der klassische Fall: Katze beißt sich in eigenen Schwanz.

Ein Wirtschaftssystem, das zum alle Lebensbereiche beherrschenden Gesellschaftsmodell mutierte, ist seinen vermeintlichen Lenkern entglitten, hat sich in der Sackgasse verkeilt und droht auch politisch zu explodieren. Das war spätestens nach 1990 abzusehen, als der kapitalistischen Entfaltungskreativität Generalvollmacht erteilt wurde. Virtuelle Geldvermehrung, Wachstum auf Pump, ungezügelte Gier und soziale Verantwortungslosigkeit führen zwangsläufig zur derzeitigen Situation.

Noch wird das Publikum durch Sündenböcke – heute Griechenland, morgen Spanien – abgelenkt, doch spätestens beim nächsten Finanzgau (die Erschütterungen folgen immer dichter aufeinander) wird der Volkszorn mit den unsinnigen Erklärungen und Versprechungen der Volksvertreter nicht mehr ruhig zu stellen sein. Ob das Wissen um diese Zusammenhänge die politische Kaste derzeit so nervös macht und selbstzerstörerisch agieren lässt?

Die Geldentwicklung muss das Wirtschaftsgeschehen abbilden, beide müssen eine Einheit bilden. Soziale Ausgewogenheit muss den Markt beherrschen, nicht der Markt darf soziale Anforderungen unterpflügen. Politiker werden von der Wählermehrheit dazu beauftragt, diese einfachen Prinzipien durchzusetzen. Sie allerdings erfüllen diesen Auftrag - ebenfalls mehrheitlich – zur Zeit noch nicht.

Reinhard Ziegler, EAB NRW

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