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BVEA - Rundschau Ausgabe 2-2010zur Startseite Gesellschaft -Dr.Christian Homrichhausen

Eine Begegnung mit der Moderne

Dass aber alle Menschen essen und trinken können und das Gute bei all ihrer Mühsal sehen, ist auch eine Gabe Gottes (Prediger 3, 13)

Essen und Trinken und die Gemeinschaft mit anderen sind für alle Menschen, ob arm oder reich, eine Erfahrung des Glücks und der Lebenszufriedenheit. Der Autor des Spruches gehörte zur Oberschicht seiner Zeit. Er baute sich Häuser, legte Gärten an, hielt Sklaven und bewirtschaftete große Viehherden, zudem war er reich an Edelmetallen und genoss die Künste als Teil seiner kultivierten Lebensart. Er bezeichnet sich selbst als einen Weisen, der im Licht geht im Gegensatz zum Toren, der in der Finsternis wandelt. Aber wachen Auges bemerkte er, dass dem Weisen seine Weisheit nichts nützt, da eine bleibende Erinnerung an ihn ebenso ungewiss ist wie die an den Toren. Dann kann die Vorsorge für die eigenen Nachfahren ein unvorhergesehenes Unglück leicht zunichte machen. Schließlich sah er, „dass nicht den Schnellen der Preis zufällt, und nicht den Helden der Sieg, nicht den Weisen das Brot, noch den Verständigen Reichtum, noch den Einsichtigen Gunst; sondern alle trifft Zeit und Zufall.“ (Pred. 9,11)

Eine der Welt zugewandte Aufbruchstimmung

Dem Autor des Spruches ist eine rationale Durchdringung der Wirklichkeit nicht möglich, mit der er Lebenssicherheit und -zufriedenheit erlangen könnte. Wohl hält er daran fest, dass Gott das Leben bestimmt, aber dem Menschen ist es nicht möglich, die Zwecke Gottes, seinen Plan zu erkennen. Dem Menschen bleibt die Mühsal, der physische und psychische Lebensgenuss des Augenblicks und im Blick auf die Zukunft Unsicherheit. Der Prediger konfrontiert uns mit den Zweifeln einer Personengruppe unter den Juden Israels, die sich erfolgreich an die neuen Lebensverhältnisse einer neuen Zeit angepasst hatten. Nach dem Tod Alexanders des Großen war das Reich aufgeteilt worden und Syrien-Palästina war in den Herrschaftsbereich der Ptolemäer Ägyptens gefallen. Damit gehörte Palästina zum bestorganisierten, reichsten und beständigsten Staatswesen der damaligen Zeit.

Kulturell setzte eine Durchdringung griechischer und orientalischer Traditionen ein. Wer erfolgreich sein wollte, musste Zugang zu der Schicht gefunden haben, über der ein Herrscher als Wohltäter, Retter und Heiland stand, sich Göttliches und Menschliches vermischte Er musste die griechische Sprache sprechen, bereit sein, einen kultivierten, üppigen Lebensstil zu pflegen, der auch auf die jüdischen Speise- und Reinheitsvorschriften verzichten konnte und Zugang zur Welt von Geld und Handel suchen, deren Zuständigkeit der Priesterherrschaft als Garant der inneren Autonomie in Palästina entzogen war. Der Autor des Spruches, der zugleich der Monatsspruch für September ist, verleiht einem erfolgten Traditionswandels und -bruch im 3. Jahrhundert vor Christus Sprache. Der Prediger erwartet von der Zukunft nicht, dass sich die Gerechtigkeit Gottes durchsetzt. Trotz des geordneten Staatswesens gibt es keinen, der sich für die Unterdrückten einsetzt (Pred. 4,1), wie es einst die Propheten taten. Der Reichtum seiner Zeitgenossen ist häufig aus Eifersucht geschaffen worden und verkörpert keinen stabilen Wert. Wohl hat Gott dem Menschen die Erinnerung ins Herz gelegt, aber der Mensch vermag seine ihm von Gott aufgegebene Bestimmung nicht mehr wirklich zu erkennen. Glücklicher als die Lebenden und die Toten ist der „Ungeborene, der noch nicht geschaut hat das böse Tun, das unter der Sonne geschieht“ (Pred. 4,3).

Dr. Christian HomrichhausenDie Auseinandersetzung mit seiner Moderne hat den Prediger dazu veranlasst, sein Gottvertrauen zu minimieren zugunsten einer skeptischen Resignation, die dem vergöttlichenden Herrscherkult nicht wirklich traute, Nothelfer angesichts sozialer Ungerechtigkeiten vermisste und seine ihm von Gott aufgegebene Lebensbestimmung nur in Augenblicken zu erleben vermochte. Das Licht des Weisen machte er klein und bescheiden.

Das Johannesevangelium nutzt die Unterscheidung zwischen Licht und Finsternis, um das Wirken von Jesus zu beschreiben. Der vor der Zeit existierende Jesus bringt als Sohn Gottes das Licht zu den Menschen, das ihnen sowohl Leben über den Tod hinaus gewährt als auch die Befähigung sich gegen die Übel der Welt, die Finsternis, zu wehren. „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern er wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh. 8, 12) Der resignative Pessimismus verwandelt sich in eine der Welt zugewandte Aufbruchstimmung.

Dr. Christian Homrichhausen (theologischer Berater des BVEA)

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