26 Jahre nachdem der 500. Geburtstag Martin Luthers gefeiert worden ist, kommt diese Ehre dem jüngeren Reformator zu, der bis heute eine beträchtliche Wirkung auf Lehre und Leben des Protestantismus ausübt.
Die Einheit des Volkes sollte der Einheit Gottes und dem einen Tempel entsprechen, in dem sich das Volk sammelte. Die richtigen liturgischen Formen, wie z. B. die Passahfeier und die Zentralisation an einem Ort werden eingeschärft. Der Weg aus Ägypten wird als ein „Leiten“ Gottes in „Barmherzigkeit“ erinnert und als liebende Erwählung des Volkes Israel gedeutet. Gott hat sich als der wahre Gott Israels erwiesen. Er hat dieses Volk in Liebe erwählt und hält ihm die Treue auch dann, wenn es den ihm aufgetragenen Weg verlassen sollte, sich schuldig macht und von Gott zurückgerufen werden muss. Erwählung, Rettung und Treue zeichnen die Barmherzigkeit Gottes aus.
Karl Barth hat den Gedanken der Erwählung auf Jesus Christus am Kreuz bezogen. Jesus Christus hat sich mit Räubern aus Juden und Heiden solidarisch gemacht und ist zugleich über ihnen und für sie alle König. Das Heilsgeschehen kann nicht verstanden werden, wenn es nicht auf die sie umgebende Weltgeschichte bezogen wird. Sie ist der Umkreis, das Schloss, zu der das Geschehen in Jesus Christus als Schlüssel gehört. Zu einer aus der Erwählung geborenen Barmherzigkeit werden die Jünger Jesu ausdrücklich ermahnt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lk 6,36) Für die Menschen geht die Barmherzigkeit Gottes oft wundersame Wege. Er kann die ersten zu letzten machen (vgl. Mt. 20,8) oder sich auch denen zuwenden, die nicht Glieder des Volkes Israel sind (Lk 7, 1ff).
Absterben des alten Menschen und eine neue Lebendigkeit im Geiste
Jesus führt die den Menschen vertrauten Verhaltensweisen in das Gericht, in die Krise: liebet eure Feinde, tut Gutes, die euch hassen, segnet die, die euch fluchen. Und er fasst diese jeden Menschen tief verunsichernden Aufforderungen in der Regel zusammen: „Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun, ebenso sollt auch ihr ihnen tun.“ (Lk 6, 31) Mit der Macht der Barmherzigkeit werden die negativen und Verhaltensweisern der Menschen bekämpft. Jesus ist nicht blind gegenüber den allgemein üblichen Verkehrsformen, aber er hält eine Angleichung der Menschen an die Gott zugeschriebenen Eigenschaften für möglich und erstrebenswert.
Diese Angleichung verstärkt einen Aspekt der Gerechtigkeit: die ausgleichende Gerechtigkeit. Ihr gemäß wird das, was ungleich ist, nicht gleich behandelt, sondern auf Ausgleich und Angleichung hin bedacht. Paulus hat entsprechende Ratschläge der Gemeinde in Korinth gegeben. Er forderte die Gemeinden zur Kollekte auf und meint dann, „ich sage dies nämlich nicht, damit andere Erleichterung haben, ihr aber Bedrängnis, sondern aufgrund von Gleichheit“ (2 Kor. 8, 13) Er empfiehlt ein wechselseitiges Geben und Nehmen: „In der jetzigen Zeit soll euer Überfluss für den Mangeln jener dienen, damit auch der Überfluss jener für euren Mangel dient, auf dass Gleichheit entsteht.“ (ebd. V. 14) Also Menschen, die Barmherzigkeit Gottes in besonderer Weise erfahren haben, werden darauf hinwirken, dass trotz der natürlichen Ungleichheiten Menschen erleben, dass sie vor diesem Gott gleich sind. Die Zuwendung Gottes in Jesus Christus kennt keine Grenzen und Gott ist nicht parteiisch.
Dr. Christian Homrichhausen, Theologischer Berater des BVEA

