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BVEA - Rundschau Ausgabe 1-2009 zur StartseiteDas Ende des Generationenvertrages - Dr. Gerhard Kühlewind

Staunen im Glauben

Kirchen auf dem Weg ins Mittelalter?

Was in den letzten Wochen so alles über die Katholische Kirche in Presse, Rundfunk und Fernsehen verbreitet wurde, hat - um es ganz vorsichtig auszudrücken - bei sehr vielen Menschen zu starken Irritationen geführt.

An erster Stelle ist natürlich die Teil-Rehabilitierung der erzkonservativen und intoleranten Piusbruderschaft samt der Holocaust-Leugners Richard Williamson zu nennen. War da nicht vorauszusehen, dass damit das Verhältnis zu den Juden erneut schwer belastet würde? Doch nicht nur bei den Juden, sondern auch bei den meisten Christen rief diese Entscheidung Unverständnis hervor, auch in den eigenen Reihen. Zigtausend besorgter Katholiken zweifeln am Kurs ihrer Kirche. Warum breitet der Vatikan die Arme ausgerechnet für jene aus, die heftig am Fundament der weltoffenen Kirche rütteln, indem sie die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils ganz offen bekämpfen? Warum gibt es z.B. keinerlei solche Signale für exkommunizierte Befreiungstheologen, für liberale Reformbefürworter? Die deutschen Bischöfe konnten sich nur zu einer äußerst vagen Erklärung zusammenraufen. Zwar sei eine endgültige Rückkehr der Piusbruderschaft in Schoß der katholischen Kirche unwahrscheinlich, wenn sie sich nicht zum zweiten Vatikanum bekenne und Williamsen nicht widerrufe – doch konkrete Forderungen nach einem Trennungsstrich fehlen. Stattdessen werden vor allem Kommunikationspannen im Vatikan und die Medien für die Verunsicherung verantwortlich gemacht.

Irritationspunkt Nr. 2 war eine Rede des Augsburger Bischofs Walter Mixa bei einer CSU - Veranstaltung in Dinkelsbühl zum politischen Aschermittwoch. In ausdrücklicher Anerkennung des Holocausts mit etwa sechs Millionen Getöteten nannte er auch die Zahl von etwa neun Millionen Abtreibungen, die es laut Expertenschätzungen in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland gegeben habe. Sogar der dortige CSU-Bürgermeister erklärte als Herr der Veranstaltung spontan: „Mit dem Holocaust kann und darf man überhaupt nichts vergleichen. Das verbietet sich einfach.“ Der Zentralrat der Juden warf Mixa eine „Instrumentalisierung der Holocaustopfer“ vor und sprach von einem „kranken Vergleich“. Sein Generalsekretär Stephan J. Kramer sah gar die katholische Kirche mit dem derzeitigen Führungspersonal „geradezu auf der Überholspur zurück ins Mittelalter.“ Selbst der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, stellte unmissverständlich klar, dass es bei aller Sorge um die hohe Zahl der Abtreibungen keine Möglichkeit gebe, „den Holocaust einfach mit anderen Elementen zu vergleichen.“ In die Linie des „Zurück in die Vergangenheit“ passt wie das Tüpfelchen auf das i schließlich auch die Ernennung des ultrakonservativen und umstrittenen Theologen Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof von Linz durch Papst Benedikt XVI. Wagner hält z.B. Homosexualität für heilbar und den Hurrikan Katharina für eine Strafe Gottes. Seine Ernennung löste in Österreich einen Sturm der Entrüstung und Massenaustritte beim liberal denkenden Kirchenvolk aus. Selbst die Mehrheit der österreichischen Bischöfe fühlte sich durch die einsame Entscheidung aus Rom mehr als nur düpiert. Inzwischen hat Gerhard Maria Wagner von sich aus dem massiven Widerstand nachgegeben und noch vor seiner Amtseinführung selbst das Handtuch geworfen.

Wer meint, dass nur die katholische Kirche Probleme in ihrer Kursbestimmung hat, der irrt. Auch in der Evangelischen Landeskirche Bayern gibt es gegenwärtig eine heftige Debatte über das Verhältnis zum Judentum. Hauptstreitpunkt ist die Frage, ob Christen angesichts des Holocausts Juden noch zum Glaubenswechsel bekehren dürfen. Ganz im Sinne der vom Papst Benedikt XVI. in das Angelus-Gebet jüngst wieder aufgenommenen Fürbitte für die Juden, dass sie zum christlichen Glauben finden mögen, lautet nämlich auch eine Stellungnahme aus der Feder des Rüdenhausener Pfarrers Martin Fromm. Sie ist eine Kritik an dem Wort der Evangelischen Kirche in Bayern zum christlich-jüdischen Verhältnis vom Herbst vergangenen Jahres. Die Streitschrift wurde von weiteren 141 Unterstützern – meist Theologen und Professoren – aus ganz Bayern unterzeichnet. „Aktivitäten, die das Ziel einer Konversion vom Juden- zum Christentum verfolgen, sind für die Landeskirche undenkbar“ ,so heißt es offiziell. Fromm und seine 141 Mitstreiter schließen dagegen ihren Text mit dem Gruß: „Verbunden in der Liebe zu Israel und in der Hoffnung, dass ganz Israel durch den Erlöser aus Zion, Jesus Christus, gerettet wird, verbleiben wir mit freundlichen Grüßen ...“ Der erst vor kurzem verstorbene frühere bayerische Landesbischof Herrmann von Loewenich meinte schon vor Jahren klipp und klar, dass Christen gegenüber Juden nicht mehr missionierend von ihrem Glauben reden könnten. Er war überzeugt davon, dass „Gott uns die Vollmacht dazu entzogen hat.“

Trotz aller hier skizzierten Irritationen, die in letzter Zeit durch kirchenpolitische Entscheidungen oder theologische Stellungsnahmen von „oben“ auf uns herunterprasselten, gibt es immer wieder ermutigende Aktionen von „unten“ – ganz im Sinne „Wir sind die Kirche“. Geradezu beispielhaft war die konkrete Ausgestaltung der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit, die Christen und Juden vom 1. – 8.3.2009 gemeinsam begingen unter dem Motto „1949 – 2009. Soviel Aufbruch war nie“. Mehr als 80 örtliche Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit luden zu ihren Veranstaltungen im ganzen Bundesgebiet ein. Gott sei Dank, hier war vom „christlicher Missionierung“ nichts zu spüren, vielmehr nur von gegenseitigem Respekt und Anerkennung.

Dr. Gerhard Kühlewind

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