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Herkunft muss sich wieder lohnen

Deutschlands Elite tummelt sich im Bereich der Unternehmensberatung und der Banken

Es ist zurzeit durchaus aufregend, den Wirtschaftsteil der Zeitung zu lesen. Bankhäuser, Nationalökonomien und alle Prognosen brechen in einem atemberaubenden Tempo zusammen, die Ideologie der Marktgläubigen kollabiert weltweit im Zeitraffertempo.
Nur eines bleibt gleich, zumindest in Deutschland: wer oben und wer unten ist. Zwei Personalwechsel im Bankenbereich illustrieren das sehr gut: Martin Blessing übernimmt die Spitze der Commerzbank, Axel Wieandt wird Nachfolger des geschassten, aber gut gepolsterten Georg Funke, der die Hypo Real Estate in ein Desaster geführt hat.

Interessant ist es, sich die Lebensläufe und die Verwandtschaftsbeziehungen dieser beiden neuen Wirtschaftsführer näher zu betrachten. Blessings Vater Werner war Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Opa Karl sogar Bundesbankpräsident. Da wundert es kaum, dass Martin seine Banklehre bei der Dresdner Bank absolvierte, dann studierte und – richtig – bei McKinsey in New York anheuerte. Übrigens mit 31 Jahren! Von dort ging er wieder zur Dresdner und dann 2001 zur Commerzbank – das erleichtert ihm jetzt die Fusion beider Geldhäuser.

Ablenkungsmanöver:
' Ihr seid selbst Schuld'

Seine beiden Geschwister, Ulrich und Andrea, hatten dann wohl doch keine so große Lust auf das große Bankgeschäft. Sie ist heute Verlagsleiterin der Burda People Group und entwickelte vorher das Call-Center für das erste Pay-TV-Programm von Leo Kirch, er ist gleich Geschäftsführer von Sirius geworden, der Sportrechtefirma von Kirch, an der sich zeitweise, wie man mit Erstaunen liest, auch die schon erwähnte Commerzbank beteiligen wollte...

Mehr Glück und direkte Unterstützung kann Martin Blessing da schon durch die Familie seiner Frau erhoffen: Dorothee ist Partnerin bei der Investmentbank Goldman Sachs und konnte vielleicht Allianz-Chef Michael Dieckmann gemeinsam mit ihrem Bruder Carl Wieandt, der natürlich Partner bei McKinsey ist, vom Deal mit der Commerzbank überzeugen. Axel Wieandt, ehemals Konzernstratege bei der Deutschen Bank und nun neuer Chef der Hypo Real Estate.

Was hat eigentlich der Vater dieser drei so erfolgreichen Sprösslinge gemacht? Richtig, Paul Wieandt war Chef der Bank für Gemeinwirtschaft und ist im Fränkischen bekannt geworden als Sanierer der Schmidt-Bank.

Der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann hat in seiner viel beachteten empirischen Studie „Der Mythos von den Leistungseliten“ 6500 Karrieren in Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz und Politik untersucht. Dabei hat er herausgefunden, dass dort nahezu alle Spitzenpositionen mit Menschen besetzt sind, die aus dem höheren Bürgertum stammen. Diese 3,5% der (männlichen) Erwerbstätigen, vornehmlich größere Unternehmer, Grundbesitzer, akademische Freiberufler und leitende Angestellte, stellen insbesondere im Wirtschaftsbereich eine nahezu geschlossene Elite dar – ganz im Gegensatz zur Politik, wo auch Menschen aus durchaus prekären Herkünften ganz nach oben gelangen können, wie ErwinHuber, Rudolf Scharping, Gerhard Schröder.

Damit nur kein Neid aufkommt: diesen Herrschaften seien ihre sicherlich anstrengenden und intellektuell äußerst strapaziösen Berufe und die damit verbundenen Einkünfte von Herzen gegönnt. Es wäre unfair, auch nur einem Menschen ohne Ansehen der Person die Eignung und Befähigung abzusprechen.

Dennoch gilt es, zwei Dinge anzumerken:

1. Deutschland hat eine Elite, die sich abkoppelt vom Rest der Gesellschaft und sich insbesondere im Bereich der Unternehmensberatung und der (Investment)-Banken tummelt. Eine öffentliche Verantwortung, vergleichbar mit den wesentlich schlechter bezahlten und insbesondere medial härter belasteten Politiker/innen, nimmt diese Elite bewusst nicht wahr! Das Licht der Öffentlichkeit scheut diese Elite, sie bleibt lieber in allen Lebenslagen unter sich, im Beruf wie im Privatleben!

2. Die Parole „Leistung muss sich wieder lohnen“, ausgerechnet von der FDP skandiert, die diesen Leuten politisch nahe steht, ist ein einziger Hohn.

Niemals zuvor war in Deutschland der Erfolg so wenig abhängig von der Leistung wie heute. Wenn hier behauptet wird, Bildungspolitik sei die beste Sozialpolitik, dann dient dieses Ablenkungsmanöver nur dazu, große benachteiligte Schichten der Bevölkerung zur Überzeugung zu bringen, sie seien an ihrer schlechten Lage selbst schuld!

Das Gerede von der angeblichen Leistungselite soll die Menschen in diesem Land einzig davon überzeugen, himmelschreiende (Chancen-)Ungerechtigkeiten als gegeben zu akzeptieren und eine „Schuld“ am eigenen Status nicht in den politischen Strukturen zu suchen!

Martin Becher, Geschäftsführer afa-Bayern

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