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BVEA - Rundschau Ausgabe 3-2008

Gesellschaft - Glauben - Dr. Christian Homrichhausen - Angst und Sorge der Menschen Entlastung durch die Sozialversicherung

Kopf aus Wasser - Bild Elke LartzStehen nicht fünf Sperlinge für zwei As zum Verkauf?

Und nicht einen von ihnen hat Gott vergessen. Fürchtet euch nicht!

Ihr seid mehr wert als viele Sperlinge

(Lk 12, 6f).

Das Solidaritätsprinzip soll in der Sozialversicherung organisiert werden Schäden, die die Existenzgrundlage der Versichertengemeinschaft oder der ganzen Gesellschaft betreffen, werden kollektiv abgesichert. Die Entscheidung über den Anspruch der Leistungen erfolgt nicht über die Prüfung der Bedürftigkeit, sondern die Beitragszahlungen des Versicherten begründen den Leistungsanspruch im Schadensfall. Dem lag die geprüfte Annahme zugrunde, dass angesichts der ungleichen Verteilung der Risiken durch die leistungsgerechte Inanspruchnahme der Versicherten zur Beitragszahlung einschließlich der Arbeitgeber Einnahmen erzielt werden, die zum Ausgleich der Sachleistungen ausreichen. Nun zeichnet sich seit Mitte der 60er Jahre ab, dass der medizinisch-technische Fortschritt, die Zunahme chronischer Erkrankungen, der demographische Wandel und ein zunehmender Konsum von Medikamenten eine Kostenexplosion im Gesundheitswesen zur Folge hat, die mit der Bruttolohn- und Gehaltsumme schon lange nicht mehr Schritt hält. War die Krankenversicherung für Rentner der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) noch bis in die 80er Jahre umsonst, gilt dies jetzt nicht mehr.

Auch die Regelleistungen der Grundversorgung, die Prävention und die Behandlung im Krankheitsfall, werden zunehmend mit Zuzahlungen des Patienten und mit Veränderungen der Leistungskataloge, z. B. der Abschaffung des Sterbegeldes, verbunden. Kleine Beträge können für die Inanspruchnahme der von der Solidargemeinschaft gewährten Hilfen eine große Rolle spielen. „Das Bundessozialgericht musste kürzlich entscheiden, ob von einem Arbeitslosen 3,45 Euro pro Monat verlangt werden können als Selbstbeteiligung für seine Medikamente“, so Bundessozialrichter Michael Kanert am 28. Juli 08 in der Süddeutschen Zeitung. Auch wenn der Eigenanteil im Vergleich zu den erforderlichen und gewährten Sachleistungen sehr gering sein kann, so gewinnt der Versicherte doch den Eindruck als würde er verstärkt zur Deckung der notwendigen Aufwendungen herangezogen. Im Blick auf das Prinzip einer auf Solidarität begründeten Versichertengemeinschaft stellt sich Verunsicherung bei ihm ein.

Finanzielle Kleinigkeiten der Daseinsvorsorge spielen im Neuen Testament durchaus eine Rolle, wie der Text aus dem Lukasevangelium zeigt. Fünf gefangene Sperlinge kann man für zwei As zum Verzehr erstehen. Dies entsprach etwa dem Gegenwert eines 1000 g Brotes. Für wenig Geld waren so viele Vögel zu bekommen! Der Blick auf die gefangenen Vögel dient zugleich als Bild für den Menschen. Abhängig von seiner persönlichen Stimmung und Lebenslage sind ihm die Räume seiner Freiheit vorgegeben. Das bedeutet auch, schnell und unerwartet kann das Ende eintreten. Welchen Wert hat sein Leben dann gehabt? Bemisst sich sein Wert nach seinen Aufwendungen?

Bei Matthäus begegnet die gleiche Aussage mit einer leichten Abwandlung. Dort werden zwei Sperlinge für ein As angeboten. Die Preisschwankungen gehen auf die unterschiedlichen Erfahrungswelten der beiden Evangelisten zurück. Diese menschlichen Unterschiede spielen aber vor Gott keine Rolle. Er blickt auf jeden einzelnen Menschen unabhängig von dem ihm unter den Menschen beigemessenen Wert. Das ist die übereinstimende Aussage beider Evangelisten.

Ebenso wie in der Antike muss auch heute der Bürger seine Ausgaben kalkulieren und er wird das Angebot annehmen, das ihm am günstigsten erscheint. Ebenso spielt das einem Menschen zur Verfügung stehende Vermögen eine Rolle. Es ist menschlich, darauf zu achten. Allerdings sind mit diesen Haltungen Gefahren verbunden, vor denen Jesus warnt:

Menschen, die nur auf ihren Kaufvorteil achten, stehen in der Gefahr das Recht zu beugen. Dann hindert die Gesinnung des Geizes und der Habgier an der Ausübung der Barmherzigkeit und schließlich neigen Menschen, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben, zur Treulosigkeit (vgl. Mt 23, 23).

Die genannten Haltungen sind in den Augen Jesu negative Geschmacksverstärker im menschlichen Zusammenleben. Sie lassen übersehen, dass auch dann, wenn einzelne Menschen wenig haben, durch Teilen der Gaben von allen Beteiligten die Bedürfnisse von allen gestillt werden können. In diesem Sinn sind die Speisungswunder Jesu Ausdruck der liebenden Zuwendung Gottes zu den Menschen. Und diejenigen, die sich als treue Haushalter der Gaben Gottes erweisen, werden gemäß dem Grundsatz handeln, zu geben im Verhältnis zu dem, was ihnen anvertraut ist. (vgl. Lk 12, 48)

Dr.Christian HomrichhausenUnter dem zuletzt genannten Gesichtspunkt erscheint eine Regelung des „Gesetzes zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung“, die gut verdienenden freiwillig Versicherten eine Alternative zur privaten Krankenversicherung bieten soll, kritikwürdig. Der Gesunde wird durch Beitragsrückerstattungen belohnt. Er erhält einen Teil seines Beitrags zurück, der sonst der Solidargemeinschaft zu Gute gekommen wäre. Eine nur auf Antrag gewährte Rückerstattung könnte hingegen die Beziehung zwischen dem Einzelnem und der Solidargemeinschaft stärken. Die Wahlmöglichkeit erlaubt jedem Betroffenen, sich furchtlos mit einer guten Tat einzubringen und der Christ wird dem Gebot der Nächstenliebe folgen, wenn er die Handlungsmöglichkeiten der Versichertengemeinschaft stärkt.

Dr. Christian Homrichhausen
(Theologischer Berater des BVEA)

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