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Ostseetreppe - Bild Elke LartzDie Bibel und die Steuerflucht
Der private Eigennutz muss die Sorge für den Nächsten nicht ausschließen

Ich ermahne euch nun, Brüder, unter Berufung auf die Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber hinzugeben zu einem lebendigen, heiligen, Gott wohlgefälligen Opfer. Das ist euer vernünftiger Gottesdienst. Lasst euch nicht diesem Weltgefüge gleichschalten, euch vielmehr in erneuertem Denken ändern, um prüfen zu können, was Gottes Wille ist, das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. (Röm. 12, 1-2)

Im Auftrag Gottes, der barmherzig ist, richtet Paulus seine Mahnung an die Gemeinde. Die Gemeindeglieder sollen nicht blutige Opfer darbringen, wie sie an den Tempeln üblich sind, sondern sich mit ihrer ganzen Existenz Gott hingeben.

Die Taufpraxis klingt an: der neu in die Gemeinde eintretende Mensch lässt sich von dem dreieinigen Gott für ein wohlgefälliges Leben in Anspruch nehmen. Diese Hingabe wird als vernünftiger Gottesdienst bestimmt. Der Ausdruck entspricht der Polemik des Paulus gegen die in manchen Gemeinden übliche geistliche Zungenrede.

Paulus zielt aber nicht nur auf die gottesdienstliche Praxis im engeren Sinn. Er fordert eine Hingabe des ganzen Menschen in die von Gott geschaffene Welt hinein, der sich der Christ nicht gleich stellen soll. Durch den Geist Gottes getrieben nimmt er Abstand von den Weltläufen und kann kritisch prüfen, was der Wille Gottes ist. Dabei findet der Christ durchaus Verbündete unter denen, die sich ebenfalls für das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene unter den Menschen einsetzen. Die Hingabe der Christen in den Willen Gottes ist von einer Reihe von Einsichten gesteuert, die Leitlinien ihres Handelns sind.

In diesem Sinn haben die beiden großen Kirchen 1997 in ihrem Sozialwort die Menschenwürde und die diese gestaltenden und schützenden Menschenrechte als „Grundkonsens einer zukünftigen Gesellschaft“ genannt. Die von den Menschen praktizierte Teilhabe wurde dann mit dem Gebot der Nächstenliebe normiert. Das Gebot der Nächstenliebe erweist seine Schärfe, wenn es gegen persönliche Vorurteile und Standesdünkel in den Diskurs eingebracht werden kann, wie Jesus es einer Überlieferung nach getan hat. (Lk 10, 25-37)

Das Gebot der Nächstenliebe lässt sich hingegen nur schwer auf den Konflikt zwischen privaten Interessen und den Anforderungen des Gemeinwesens beziehen, der durch die Diskussion um Steuerhinterziehungen Aufmerksamkeit erregt. Legt man ein modernes Verständnis der „Obrigkeit“ zugrunde und kann angenommen werden, dass einige der Volksvertreter sich durch ihr Gewissen auch von Gott in die Pflicht genommen wissen, dann kann ein Hinweis auf das Gehorsamsgebot gegenüber der Obrigkeit gemäß Röm. 13,1ff sinnvoll sein. Allerdings ist damit nicht die Frage nach der Berechtigung, mit gestohlenem Material Kapitalflüchtigen auf die Spur zu kommen, beantwortet.

Fraglich ist insbesondere, ob es richtig ist, mit dem Hinweis auf den zu erwartenden finanziellen Nutzen der Aktion das Vertrauen in den Rechtsstaat und seine rechtsförmigen Einbindungen in europäisches und internationales Recht zu sichern.

Viele der Betroffenen sind bereit mit den Behörden zu kooperieren. Für die Betroffenen könnte außerdem sprechen, dass das bestehende System die Steuerhinterziehungen ermöglichte und mit der Sicherung der Gewinne aus privatem Vermögen lautere Absichten verbunden sein können. Der private Eigennutz muss die Sorge für den Nächsten nicht ausschließen.

Offensichtlich aber ist, dass bewusstseinsmäßig die privaten Interessen und die des Gemeinwesens nicht ausreichend aufeinander bezogen sind. Private Autonomie und die Anforderungen des Gemeinwesens werden weithin als gegeneinander stehend und nicht als aufeinander bezogen verstanden. Um diesen Konflikt sachhaltig zu bearbeiten, hat Amitai Etzioni eine neue goldenen Regel vorgeschlagen.

Sie lautet: Respektiere und stütze die moralische Ordnung der Gesellschaft so, wie du möchtest, dass die Gesellschaft deine Autonomie respektiert und stützt. Bezieht man diesen Gedanken auf wirtschaftliche Sachverhalte, sollte hinzugefügt werden, dass Aufwendungen des einzelnen Menschen für das Gemeinwesen verhältnismäßig zum Nutzen sein sollten, den dieser für seine private Lebensführung in diesem Gemeinwesenerzielen kann.

Folgt man diesem Gedanken, ist es eine Konsequenz des Gebotes der Nächstenliebe, dass derjenige, der einen höheren privaten Nutzen aus den Möglichkeiten einer Gesellschaft ziehen kann auch einen entsprechend höheren Beitrag zu deren Aufwendungen leistet, um so den Aufbau und die Aufrechterhaltung öffentlicher Dienstleistungen zu gewährleisten, wie es auch derjenige tut, der einen geringeren Beitrag leistet.

Dr. Christian Homrichhausen. (Theologischer Berater des BVEA)

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