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BVEA - Rundschau Ausgabe 1-2007 - Gesellschaft - Gewerkschaftenzur Startseite
Zukunft der Gewerkschaften - Guntram Schneider
Die Zukunft der Gewerkschaften
Ein Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne

Michael Sommer, Vorsitzender des DGB am 1.Mai - Bild Elke Lartz

Die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland nach ihrer Wiedergründung im Jahre 1949 ist eine Erfolgsstory. Die Gewerkschaften haben nachdrücklich und nachhaltig am wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes nach der Befreiung vom Nationalsozialismus mitgewirkt.

Die von ihnen angestrebte politische Neuordnung wurde demgegenüber nur ansatzweise erreicht. Kernstück gewerkschaftlicher Gesellschaftspolitik war und ist die Mitbestimmung. Mitbestimmung nicht ausschließlich verstanden als Mitbestimmung im Aufsichtsrat großer Kapitalgesellschaften. Mitbestimmung ist für den DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften wichtigstes Element einer wirtschaftsdemokratischen Strategie, die letztlich Arbeitnehmer aus ihrer Objektrolle befreien und in den Mittelpunkt des Wirtschaftens rücken soll.

Es bleibt dabei: Ohne die Demokratisierung der Wirtschaft ist die politische Demokratie nur unvollständig! Die großen Erfolge der Gewerkschaftsbewegung dürfen nicht über ebenso große Schwierigkeiten hinwegsehen lassen. Die DGB-Gewerkschaften verlieren weiter an Mitglieder. Die Mitgliederverluste sind Ausdruck einer Überalterung der Mitgliedschaft. Die DGB-Gewerkschaft schlechthin ist eine Organisation der männlichen Facharbeiter mittleren Alters. D. h. auch bei den Arbeitnehmerinnen gibt es erhebliche Organisationsprobleme wie wir sie auch im Bereich junger Arbeitnehmer vorfinden.
Wissenschaftlich- technische Bereiche machen Probleme

Die Mitgliederstrukturen der Gewerkschaften sind bei weitem nicht identisch mit den Beschäftigtenstrukturen. Immer noch dominieren gewerbliche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, während im Beschäftigungssystem schon längst Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer außerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses die Überhand gewonnen haben.
Die Gewerkschaften haben erhebliche Organisationsprobleme im Bereich der so genannten wissenschaftlich-technischen Intelligenz und im produktionsfernen Dienstleistungssektor.

Und schließlich gibt es auf der Organisations-Karte große weiße Flecken bei Arbeitnehmergruppen in prekärer Beschäftigung. Dennoch müssen die Gewerkschaften nicht schwarzsehen, wenn sie die Zeichen der Zeit in praktische Politik umsetzen. Erfreulich steigt in einigen Gewerkschaften in den letzten Jahren der Anteil der jüngeren Mitglieder an.
Es gibt auch gute Beispiele für große Organisationserfolge in Klein- und Mittelbetrieben, die schon längst die Volkswirtschaft dominieren.

revolutionäre Gewerkschaften - Bild 1.Mai Berlin - Elke Lartz

Und immer noch ist eine erdrückende Mehrheit in der Bevölkerung der Auffassung, dass Gewerkschaften als Interessenvertretung der abhängig Beschäftigten notwendig sind. Die Globalisierung zeigt, wie internationalisiert Wirtschaft heute ist.
Demgegenüber sind Gewerkschaften immer noch weitgehend „Kinder des Nationalstaates“. Dies muss sich ändern: Wir benötigen eine Internationalisierung der Gewerkschaftsarbeit verbunden mit grenzüberschreitenden Gewerkschaften. Die Gewerkschaften müssen politischer werden, d. h. sie müssen ihren Einfluss auf politisch-parlamentarische Entscheidungen ausbauen und gesellschaftlichen Einfluss organisieren. Der Betrieb ist weiterhin zentraler Ort gewerkschaftlicher Arbeit.

Wenn die Gewerkschaften allerdings ein gesellschaftliches Mandat für sich reklamieren wollen müssen sie auch außerhalb der Betriebe verstärkt tätig werden.

Der Informationsfluss zu den Mitgliedern muss dringend verbessert werden. Ja, die Gewerkschaft selbst muss mehr als bisher Mitmach-Gewerkschaft werden.
Die Rückbesinnung auf das Mitglied und seiner Interessen ist genauso von Nöten wie die spezifische Ansprache unterschiedlicher Beschäftigtengruppen. D. h. vor allem, dass die Gewerkschaft, auch was die in ihr vorhandenen „Verkehrsformen“ anbelangt, weiblicher werden muss.

Die Erwerbstätigkeit Frau wird zunehmen. Dies muss sich auch im Gewerkschaftsalltag niederschlagen.
Leidenschaft zur sozialen Auseinandersetzung

Ausgehend von den Grundwerten Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität wird die Bildung von Netzwerken auch mit anderen gesellschaftlichen Organisationen zu einer Überlebensfrage. In einer Zeit, die geprägt ist durch eine neue Qualität des globalen Kapitalismus und der Finanzwirtschaft werden Grundsatzdiskussionen über tief greifende Fragen menschlicher Existenz wieder aktuell. „Wie wollen wir leben - und unter welchen Guntram Schneider DGB Bezirksvorsitzender NRWBedingungen“ ist schon heute eine viel geäußerte Frage gerade junger Menschen.

Die Kooperation mit den großen Kirchen und Wohlfahrtsverbänden wird deshalb auch die Zukunft der Gewerkschaften mit entscheiden. Dazu gehört auch, dass sich Arbeitnehmerorganisationen nicht nur als Vertretung ökonomischer Interessen verstehen. Bildung und Kultur müssen in den Gewerkschaften der Zukunft einen höheren Stellenwert einnehmen.

Die Zukunft der Gewerkschaften ist möglich, wenn Wille und Fähigkeit zur Reform und Leidenschaft zur sozialen Auseinandersetzung zusammen kommen.

Guntram Schneider DGB-Bezirksvorsitzender NRW

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