Normenkrise, Werteverfall, Wertewandel - Schlagworte unserer Zeit? Werte werden hergeleitet von Traditionen, so Prof. Engelsberger. Sie werden getragen von Institutionen, wie Familie, Schule, Kirche und werden repräsentiert durch Personen, wie Eltern oder Politiker. Traditionen ändern sich und mit ihr die Werte, die uns wichtig sind.
Heute haben wir die Rechtsprechung mit ihren Vertretern, die die Strafe für ein Vergehen bemessen. Diese Aufgabe fiel in früheren Zeiten den Sippenangehörigen zu.
Sie hatten die Pflicht, Vergehen zu ahnden. Unter diesem Aspekt ist auch die Blutrache zu sehen, die uns heute in unserer modernen Zeit als ungehemmte Affektreaktion erscheint. Auch die alttestamentarische Rechtsformel „Auge um Auge, Zahn um Zahn" ist nach Engelsberger als Fortschritt der damaligen Zeit zu sehen. Man bemühte sich um ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Straftat und Sanktion. Die persönliche Willkür wurde eingedämmt.
Die offizielle Rechtsprechung im Dritten Reich, würde heute niemand mehr als gerecht bezeichnen. Den Widerstandskämpfern wird zugestanden, dass sie gegen die Rechtsgrundsätze verstießen, sogar Attentate werden hier als gerechtfertigt betrachtet. Man spricht vom Recht über dem Recht.
Haben die aus westlicher Tradition entwickelten Menschenrechte Allgemeingültigkeit für alle Menschen dieser Erde?
Sind sie nicht zu einseitig? Müssten sie nicht auch auf soziale Rechte, wie das Recht auf Arbeit, ausgeweitet werden? Werden die Menschenrechte nicht unglaubwürdig durch eine heuchlerische Menschenrechtspolitik? Menschenrechte werden dort eingeklagt, wo es für westliche Regierungen ohne wirtschaftlichen Schaden möglich ist. Wo Risiken bestehen, ist man großzügiger. Als Beispiel führte der Referent Saudi Arabien an. Dort kommt es immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen. Da man aber von den Erdöllieferungen abhängig ist, geht man nicht dagegen vor.
Ein entscheidender Aspekt im Zusammenhang mit Recht und Gerechtigkeit ist die Menschlichkeit. Sie ist eines unserer höchsten Ideale. Menschlichkeit ist vor allem dort gefragt, wo Probleme mit Anfang und Ende unseres individuellen Lebens auftreten. Embryo-nenschutzgesetz, Sterbehilfe sind Themen, die sehr kontrovers diskutiert werden. Wie wird man bei diesen Fragen der Menschenwürde gerecht?
Moralische Empörung alleine nutzt nicht das Geringste. Wichtig ist, dass der Einzelne sich dort bewährt, wo er gebraucht wird, wo Menschen Rechte verweigert werden.
Jesus formulierte für Christen diesen Anspruch in der Forderung: „Was du willst, dass man dir tut, das tue für andere".
Kritisch und empfindsam werden für das Messen mit zweierlei Maß, für Ungerechtigkeiten, denen wir begegnen. Das sind Dinge, die der Referent als elementare Grundlagen für ein menschliches Miteinander sieht.
Es ist uns kein Paradies verheißen, wo jeder Recht und Gerechtigkeit erhält. Aber zu etwas mehr Gerechtigkeit und Frieden, kann jeder ganz nach seinem Vermögen auch mit kleinen Taten beitragen, schloss Engelsberger seinen Vortrag.
Heike Fischer, EAN Baden

