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Gesellschaft - Glauben
Sitte, Gewohnheit und eine Triebfeder für das Gute und Richtige
www.bvea.de - Dr. Christian Homrichhausen - Christliche Ethik musste sich im Konflikt bewähren.

Teil eines Fensters aus dem Richard-Martin-Haus in Hilchenbach - Bild Elke LartzChristliche Ethik musste sich im Konflikt bewähren - ihre Akzeptanz war durchaus strittig

Gewohnheiten, die sich bewährt haben, werden geschützt, erinnert und eingeschärft. Veränderungen, erwartete oder auch unvorhergesehene, fordern allerdings immer wieder zur Verständigung über gute und richtige Wege heraus. Die Frage der Ethik stellt sich. Beispiele liegen vor unseren Augen. Z. B. bringt die zunehmende weltweite Vernetzung von Versorgung, Produktion und Verbrauch Änderungen in der Arbeitswelt mit sich, die eine wachsende Flexibilität der Erwerbstätigen erfordern. Die Vollbeschäftigung ist nur noch eine Zielgröße und eine stetige Erwerbsbiographie ist für viele nicht mehr der Normalfall.
Die Veränderungen in der Beziehung zwischen Ausbildung und Beruf treffen mit der gesellschaftlichen Verpflichtung zusammen, der heranwachsenden Generation Orientierungen zu geben. Insbesondere in der Zeit des körperlichen und geistigen Reifens wird dem jungen Menschen durch Gewohnheiten und Sitten, den kulturell unterschiedlich gestalteten Übergängen vom Kind zum Heranwachsenden, seine Stellung in der Gesellschaft gezeigt. In der evangelischen Kirche entwickelte sich aus ersten Anfängen in der Reformationszeit die uns geläufige Form der Konfirmation, die nach einer entsprechenden Vorbereitung als feierliche Aufnahme der jungen Christen in die Gemeinde mit allen Rechten und Pflichten gestaltet wird. Die Ansprüche der Arbeitswelt und die Erwartungen der Eltern und Heranwachsenden haben heute die Entscheidung über die weitere Ausbildung und den beruflichen Lebensweg von dieser Jahrgangsstufe weitgehend entkoppelt. Dieser evangelischen Sitte der Konfirmation entspricht eine Feier im Lebenslauf der Juden, die auch im Neuen Testament eine Rolle spielt. Mit dreizehn Jahren wurde der jüdische Junge Sohn des Gebotes und das Mädchen mit zwölf Jahren Tochter des Gebotes und so in vollem Umfange gesetzespflichtig. Zu den Pflichten des erwachsenen Juden gehörte die verantwortliche Befolgung der Gebote, wozu auch der Besuch der großen Feste des Volkes zählte. Um ihren Sohn entsprechend vorzubereiten, besuchten die Eltern von Jesus mit dem Kind ein Jahr vor diesem Ereignis, der Bar Mizwah, Jerusalem. Entsprechend heißt es: „und als er zwölf Jahr alt geworden war, gingen sie nach der Gewohnheit des Festes hinauf". (Lk. 2, 42)

Solche Hinweise auf Sitten, Gewohnheiten und Überlieferungen der Juden begegnen an verschiedenen Stellen im Neuen Testament. Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer, trat seinen Dienst am Tempel gemäß der Sitte an, der Garten am Fuße des Ölbergs war der Lebensgewohnheit Jesu entsprechend der Ort seines Gebetes und begraben wurde er nach der Sitte der Juden. Von diesen Hinweisen auf Selbstverständlichkeiten ist der Vorwurf zu unterscheiden, der gegen den ersten Märtyrer Stephanus erhoben worden ist, dass er die Mose überlieferten Gebräuche ändern wolle. Auch Paulus wurde zum Vorwurf gemacht, dass er lehre, man solle nicht in den überlieferten Gebräuchen wandeln. Die Beispiele zeigen, dass die Grundsätze christlicher Ethik im Konflikt mit herrschenden Gewohnheiten sich bewähren mussten und ihre Akzeptanz durchaus strittig war. Und dieses Mehr an Gerechtem und Guten, das über die Sitte, die Gewohnheit und die Überlieferung hinaus ging, ist mit dem uns geläufigen Namen der Ethik verbunden. Dazu zählt die verstandesmäßige Durchdringung der Probleme, besondere Charaktereigenschaften und die Fähigkeit eine richtige und angemessene Entscheidung in Konfliktlagen zu treffen. Von dieser „guten Ethik (Sitte)" spricht der Apostel Paulus im 1. Brief an die Korinther. Sehr deutlich sagt Paulus, dass der Ausgangspunkt seiner Ethik, das Herrsein Jesu Christi, auf dem Glauben an den Auferstandenen basiert. Und er zitiert aus der Komödie Thais des in Korinth bekannten griechischen Dichters Menander (343 _ 292 v. Chr.), die um eine Liebesgeschichte kreist.

Paulus schreibt: „Wenn Tote nicht auferweckt werden, so lasset uns essen und trinken, denn morgen sterben wir`. Irret euch nicht! ,Böse Gesellschaft verderbt gute Sitten`. Werdet rechtschaffen nüchtern und sündigt nicht!" (1. Kor. 15, 32b - 34a)

Die Teile der Gemeinde in Korinth, die von der Auferstehung Jesu Christi von den Toten absahen, lebten in einem unvernünftigen Zustand, in einer Hochstimmung, die zeitweise die Aufgaben des Lebens vergessen ließ, wie dies bei einem andauernden und ausladenden Gelage der Fall sein kann. Wahre Nüchternheit hingegen ist mit dem Glauben an die Auferstehung verbunden, da dieser die erfahrenen und ersehnten Momente des Glücks ihrer wahren Bedeutung gemäß erleben läßt. Und vor dem Einfluss jener anderen Gesellschaft warnt Paulus mit dem Zitat aus der Komödie des Menander. Das nur in wenigen Versen auf uns gekommene Schauspiel zeigt die Widersprüchlichkeit ersehnten Glücks am Verhalten der Geliebten auf: sie ist kühn, schön und obendrein noch einnehmend, aber ebenso handelt sie ihrem Geliebten gegenüber falsch, sie schließt sich ein, fragt nach Geschenken, liebt niemanden und spielt falsche Tatsachen vor. So wie die Gelage in Teilen der Gemeinde von Korinth eine Selbsttäuschung waren und das Herrsein Jesu Christi geleugnet wurde, wird in der Komödie des Menan-der der Verliebte von seiner Geliebten an der Nase herum geführt.

In dem Stück von Rolf Hochhuth, „McKinsey kommt", werden sie witzig und mit Ironie präsentiert. Z. B.: „Aktien steigen, wenn Arbeitnehmer fallen" oder die Empfehlung des Medienberaters an den Chef: „Sie entlassen nicht..., Sie setzen .. frei: frei sich bessere Jobs zu suchen".

So wie das Theater Verstellungen der Wirklichkeit aufdecken kann, hilft eine Nüchternheit, die sich aus dem Grundsatz der Ethik des Paulus speist, den Menschen in den Blick zu nehmen. An-gesichts der heute erfahrenen Widersprüchlichkeit ist das Training des guten und rechten Verhaltens sicherlich ebenso dringlich, wie z. Zt. des Paulus.

Dr. Christian Homrichhausen
Theologischer Berater des BVEA

   

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