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Konflikt - Befreiung - Versöhnung

Eine der grundstürzenden Erfahrungen der ersten Gemeinden war der Zustrom von Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund in die aus jüdischem Milieu erwachsenen Gemeinden. Stossen zu einer traditionsverhafteten Gruppe neue Mitglieder hinzu, sind Missverständnisse leicht möglich.

Gemeindemitglieder plötzlich auf anonymen Listen als Aufrührer und Verbrecher

Aber die unterschiedlichen kulturellen und religiösen Bindungen der Mitglieder ordneten sich der in Jesus Christus erworbenen Gottessohnschaft bzw. -kindschaft unter (Gal. 3, 26). Das war für viele eine durchaus befreiende Erfahrung. Jedoch reagierten einige mit Abwehr. Es traten Personen auf, die vor den Neuen warnten und zu den alten Regeln zurückriefen. Tatsächlich drohte in den Jahren 50 bis 56 n. Chr. in einigen Gemeinden die Gefahr eines Rückfalls. Ihnen sagte Paulus: Alte Regeln zu erneuern, die ihr aufgegeben habt, ist keine Hilfe in diesem Konflikt und schrieb an die Christen im nördlichen Teil der Landesmitte der heutigen Türkei: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auferlegen!"(Gal. 5,1)

40 Jahre später, etwa zur Zeit, als der erste Johannesbrief entstand, sah sich die Gemeinde in eine veränderte Lage versetzt; denn nun wurde der gewonnene Zusammenhalt auf die Probe gestellt. An verschiedenen Orten im römischen Reich waren Christenverfolgungen aufgeflackert. Die Gemeinden waren Belastungen ausgesetzt, die Auswirkungen bis ins Innere der Gemeinden hatten. Auch in einer versöhnten Gemeinschaft kann erneut gesündigt werden, können Verfehlungen eintreten.

Bedenkt man, dass Gemeindemitglieder plötzlich auf anonymen Listen als Aufrührer und Verbrecher erschienen, wird verständlich, dass an die Stelle der brüderlichen Hilfe Vorsicht und Abwehr treten konnten. Literarisch greifbar ist die Haltung einer christlichen Gruppe, die sich dadurch der Gefahr entzog, dass sie in der Öffentlichkeit anders auftrat als in der Gemeinde. Was sie hier bestritt und tat lebte sie dort und stimmte zu. Mit der Auffassung, dass Jesus die irdischen Anfeindungen und Leiden nicht als Mensch, sondern nur als Gott ertragen habe, öffneten sie einer doppelten Moral Tor und Tür. Der erste Johannesbrief antwortete auf diese falsche Lehre. „Jesus Christus ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt." (1. Joh. 2,2)

Der Begriff der Versöhnung ist tief in der jüdisch-christlichen Tradition verankert. Erinnert sei an den jährlich von den Juden begangenen Versöhnungstag. Das Alte Testament nennt seine ersten Bestandteile: das Sündenbekenntnis, die Wiederherstellung der Gemeinschaft durch ein Opfer und einen Reinigungsritus. Für Christen ist Jesus Christus der Quellgrund der Versöhnung, die sich ereignen kann, wenn Sünden bekannt werden, die Gemeinschaft mit Jesus im Mahl lebendig wird und falsche Überzeugungen bzw. Irrlehren abgelegt werden. Treten in der Gemeinschaft Verfehlungen auf, können sie bekannt und überwunden werden. Mit dem Bekenntnis gehört die Praxis der von Jesus neu in Geltung gesetzten Bruderliebe zusammen

Aber nicht nur von den Sünden der Gemeinde wird gesprochen, sondern auch von denen der Welt. Die Selbstgerechtigkeit ist ein wichtiges Merkmal weltlichen Verhaltens, das zur Sünde verleiten kann. Dazu gehört eine um das eigene Leben und seine Gestaltung besorgte Lebenshaltung, die zur Sünde gegen Mensch und Natur verleitet, weil sie die den Menschen gesetzten Grenzen missachtet. Jesus Christus lebte sein Leben bis zur Grenze eines dem Menschen möglichen Lebens im Gehorsam gegen Gott und war „durch den Tod als wahrer Gott zum neuen Leben gedrungen" (EG 108, 2) Wie ein Schatz kann dieses Ereignis im Glauben ergriffen werden oder auch zufallen, so dass dieser Mensch in der Annahme seiner Grenzen über die Grenze seines Lebens geführt wird und auf diese Weise in der ihn umgebenden Welt die von Gott verliehene Weisheit und Schönheit als Gabe und Aufgabe neu erkennt und annimmt. Johannes Rau (1931 - 2006) benannte mit dem Ausspruch: „versöhnen statt spalten" ein zentrales Motiv seines politischen Handelns. Das ließ aufhorchen; denn die Gerechtigkeit wird allgemein als die Norm politischen Handelns verstanden.

Umgangssprachlich ist mit „versöhnen" häufig ein auf Ausgleich bedachtes und zusammenführendes Verhalten gemeint, so dass es nahe liegen könnte, den Ausspruch als Ausdruck des besonderen Amtscharismas des Bundespräsidenten zu verstehen; denn auch Gesetze bedürfen der Korrektur. Am Maßstab der Güte können diese korrigiert werden.

Versöhnung geht sicherlich über gütiges Verhalten hinaus, denn sie lässt sich nicht auf die Abschaffung von Lücken im Gesetz reduzieren, sondern arbeitet an der Bewältigung von Schuld, die durch mangelnde Einsicht, Affekte, Ausschließungsprozesse verursacht worden ist. Sie wirkt auf die Überwindung von Grenzen hin, indem sie diese annimmt. In diesem Sinne tätig werden zu können, setzt eine Freiheit von den inneren und äußeren Faktoren voraus, die Menschen in mentaler, physisch-psychischer und in sozial-wirtschaftlicher Hinsicht binden.

Es war die Erfahrung der ersten Christen, dass eine solche Freiheit im Versöhnungswerk Jesu Christi angelegt ist.

Dr. Christian Homrichhausen Theologischer Berater des BVEA

   

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