Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen e.V.Auguststr. 80, 10117 Berlin - Mitte, Tel. 030/28395151, Fax: 030/28395157
Internet: www.bvea.de, email:
![]()
____________________...Archiv
BVEA Rundschau der Evangelischen Arbeitnehmer Ausgabe 1 - 2006
Glauben
Wir sind der"reiche" Norden
Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu
Tisch sitzen werden im Reich Gottes. (Lukas 13, 29)
Ist dieses Bild von der
großen Wallfahrt der Menschen aus den vier Himmelsrichtungen der Erde ein Traum?
Oder eher ein Albtraum?
Jesus ist auf dem Weg "durch Städte und Dörfer ... hinauf nach Jerusalem", - auf
der Straße also, auf der Jahr für Jahr Tausende von Juden aus anderen Ländern
ihre Wallfahrt zum Passahfest machen. In diesem Jahr wird das auch sein Weg
sein, - aber nicht zu dem großen, frommen Fest, sondern zum Tode am Kreuz.
Unterwegs fragt ihn einer am Straßenrand: "Wird Gott alle Menschen in das
Himmelreich aufnehmen oder werden es nur wenige sein?" Jesus gibt auf diese
Frage keine klare Antwort. Aber er antwortet mit ein paar Bildern und
Gleichnissen, die wenig Hoffnung machen. Darum überschreibt unsere Lutherbibel
diesen Textabschnitt: "Von der engen Pforte und der verschlossenen Tür".
Nur einen einzigen Lichtblick gibt es in diesem Text, und das ist der zitierte
Vers: Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die
zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
Aber wer wird da kommen? Werden es viele sein? Gar alle Menschen aus allen
Richtungen dieser Erde? Oder eben doch nur ein paar Auserwählte? Weil der Zugang
zum Reich Gottes doch so schwer und mühsam ist! - Vielleicht würde uns ja eine
genaue Zahlenangabe, eine Erfolgsprognose für die christlichen
Missionsbemühungen nur wenig helfen oder uns gar völlig in die Irre führen.
So viel ist jedenfalls deutlich: Der Vers beschreibt ein Geschehen, das ganz
anders aussieht als das, was gegenwärtig passiert. Die Hoffnung von der großen
Wallfahrt der Völker hinauf zum Tempel in Jerusalem, zur gemeinsamen Verehrung
des Gottes Israels und zur Ausrufung des Gottesfriedens auf dem ganzen Erdball
ist eine alte Hoffnung in der Glaubensgeschichte des Volkes Israel: in der
Predigt der Propheten wie in den Gebeten und Liedern der Psalmen. Und zwar
gerade immer dann, wenn die Lage Israels wieder einmal ganz besonders bedrohlich
ist.
Ja, aus allen Himmelsrichtungen marschieren die Völker auf Israel und Jerusalem
zu. Doch nicht mit Palmzweigen in den Händen, nicht mit frommen
Wallfahrtsliedern und Opfergaben für den Tempel, sondern mit Waffen und bösen
Absichten: die Kanaanäer, Babylonier und Assyrer, Ägypter und Perser, und
schließlich die Römer, unter denen das Volk der Juden über die ganze Erde
zerstreut wird. Und an der ständigen Bedrohung dieses Volkes hat sich ja bis
heute nichts geändert. Die alten Hoffnungspsalmen sind unverändert aktuell
geblieben, - die Hoffnung auf eine vollständige Umkehrung der Verhältnisse, auf
eine Welt der Versöhnung und des Friedens.
Und wie steht es mit unseren Hoffnungen? - Wir Christen in Deutschland, in
Europa zählen zu denen, die aus dem Norden kommen. Zu denen, die zusätzlich und
völlig unerwartet von Gott eingeladen wurden, mit an seinem Tisch zu sitzen und
zu seinem erwählten Volk zu gehören.
Für die große Mehrheit der Menschheit aber, vor allem im Süden und im Osten,
sind wir heute "der reiche Norden". Wir gehören zu denen, die alles haben, was
die anderen Menschen entbehren; die den größten Teil der Schätze dieser Erde für
sich beanspruchen, zwei Drittel der Energievorräte verbrauchen und dem Rest der
Welt auch noch die Gesetze des wirtschaftlichen Handels diktieren.
Und deshalb hat die Völkerwanderung auch längst wieder eingesetzt, aus dem Süden
wie aus dem Osten. Gewiss kein Traum, aber ein Albtraum für uns! Darum schirmen
wir uns ab, so gut wir können: mit leibhaftigen Mauern wie der zwischen den USA
und Mexiko, mit Stacheldraht um die spanischen Exklaven in Nordafrika, mit
Bundesgrenzschutz und Schengener Abkommen, mit Internierungslagern und rigoroser
Abschiebepraxis und vor allem mit zunehmender Fremdenangst und
Ausländerfeindlichkeit.
Wenn dieser Bibelvers wirklich eine Verheißung sein soll, eine große Hoffnung
für uns und alle Menschen der Erde, dann müssen sich die Dinge wohl wieder
einmal von Grund auf ändern. Dann dürfen nicht länger Hunger und Ungerechtigkeit
der Grund für den Marsch der Menschen aus Süden und Osten sein, die hier bei uns
auf Abwehr und die Angst um Besitz und Wohlstand stoßen. Dann muss es vielmehr
der gemeinsame Weg der Gerechtigkeit und des Friedens sein, der uns aus allen
Himmelsrichtungen zusammenführt im gemeinsamen Ziel.
Es gibt heute immer mehr Anzeichen dafür, dass wir dazu überhaupt keine
Alternative haben. Wir sind zu gemeinsamen Anstrengungen gezwungen, in denen es
darum geht, die Entwicklungen zu verändern und die Trends umzukehren.
Aber ob wir das schaffen werden?
Nun ist in diesem Vers ja
nicht von unseren Bemühungen die Rede, sondern von der großen Einladung Gottes,
von der Verheißung seines Reiches. Und es ist nicht von schwerer Arbeit und
hartem Verzicht die Rede, sondern von gemeinsamem Essen und Trinken, von einem
großen Fest, von dem niemand ausgeschlossen sein wird.
Gott lädt ein: uns und alle anderen Menschen. Und alle werden kommen. Das ist
nicht nur ein Traum, den wir vielleicht alle heimlich träumen (vor allem für
unsere Kinder und Enkel), und erst recht kein Albtraum! Sondern eine Verheißung,
ein Versprechen, das Gott selbst uns gibt: "Es werden kommen .... " Es ist ja
kein Zufall, dass uns bei dieser Formulierung sofort das Abendmahl einfällt, das
wir miteinander feiern:... zu sitzen am Tisch des Herrn ... Im Abendmahl haben
wir schon heute ein Zeichen dafür, eine Anzahlung davon, was kommen wird, wenn
Gottes Reich endgültig anbricht.
Und deshalb sprechen wir in jedem Gottesdienst erneut die Bitte des Vaterunsers
aus: "Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden". Wenn
dieser Tag kommt, dann wird er alle Menschen in Bewegung setzen. Und dieser Weg
Gottes mit uns soll schon hier und jetzt die Prioritäten unseres Handelns
bestimmen.
Dr. Walter Sohn
Theologischer Berater des BVEA
Dr. Walter Sohn wird im Februar aus dem Vorstand des BVEA ausscheiden. Auf diesem Wege ein herzliches Dankeschön für seine trefflichen Beiträge in dieser Rundschau; in der Zukunftsdiskussion für seine Besonnenheit, wo Aufregung Platz nahm.
Die Redaktion