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BVEA Rundschau der Evangelischen Arbeitnehmer Ausgabe 1 - 2006
Gewerkschaften und Kirche
Sprachlosigkeit entgegenwirken
Fachforum mit DGB-Chef Sommer und Präses Schneider in Düsseldorf / Differenzen wurden
deutlich / Verständnis in der Kirche für Sozialwahlen gering
Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, will sich
mit den Kirchen gemeinsame Positionen für gerechte Sozialreformen einsetzen. Dies
stieß auf breite Zustimmung im Dezember 2005 auf dem Fachforum "Kirche und Gewerkschaften"
in Düsseldorf. Die Evangelische Kirche im Rheinland hatte zu einer Aussprache über
das angespannte Verhältnis beider Institutionen eingeladen.
Seit der Synode 1955 in Espelkamp hat die Evangelische Kirche in Deutschland eine
klare Linie in ihrer Arbeitnehmerarbeit gezogen. Es ging damals um die Entwicklung
christlicher Gewerkschaften auf deutschem Boden und die Anwesenden einigten sich
auf Unterstützung der Einheitsgewerkschaft DGB. Die christlichen Gewerkschaften
waren ein Kind der katholischen Kollegen. Sie existieren bis heute, sind aber nur
eine Randfigur in Tarifkonflikten.
Die Einheitsgewerkschaft hat im Rückblick unser Land stabilisiert, Tarifkonflikte
und Streiks im Rahmen gehalten. Die evangelischen Arbeitnehmerorganisationen haben
sich von Anfang an dieser Unterstützung angeschlossen.
In den Reihen der evangelischen Arbeitervereine gibt es sehr viele gewerkschaftlich
organisierte Mitglieder, die ein berechtigtes Interesse daran haben, ihren gelebten
christlichen Glauben auch in der Arbeitswelt widergespiegelt zu sehen.
Traditionell haben sich die Kirchen nie sehr gut mit den Gewerkschaftsvertretern
verstanden, denn einerseits sind die Kirchen als größte Arbeitgeber im sozialen
Bereich ganz erheblich von Tarifverhandlungen mit abhängig und agieren als Arbeitgeber
aus einer aufgeräumten Position. Andererseits, gesellschaftspolitisch haben die
Kirchen jedoch eine klare Position, die Interessen der gesellschaftlich Schwachen
zu unterstützen, aber gleichzeitig die gesellschaftliche Entwicklung zu analysieren
und gesamtgesellschaftliche Entwicklungen in den Mittelpunkt zu stellen.
Auf diesem Treffen wurde deutlich, dass sich zwar die Angestellten der Kirchen eine
Unterstützung der Gewerkschaften wünschen, die allerdings von ver.di derzeit nicht
wirklich gegeben wird. Die kirchlichen Mitarbeiter arbeiten mit dem "dritten Weg",
welcher bedeutet, dass eine Mitarbeitervertretung (MAV) mit den Arbeitgebern die
Arbeitsbedingungen aushandelt. Hauptknackpunkt bei den Verhandlungen mit den Gewerkschaften
war und ist das Streikverbot, um berechtigte Forderungen durchzusetzen.
Natürlich fällt auch uns auf, dass in der Evangelischen Kirche in Deutschland, in
den Synoden nur eine sehr geringe Anzahl von Arbeitnehmervertretern sitzt. Wir haben
diese Zusammensetzung immer als gesellschaftsunrealistisch angeprangert, denn dies
bedeutet ja, das der Hauptkirchensteuerzahler kaum in diesen Gremien vertreten ist.
Hochrangige Persönlichkeiten aus dem Kreis der Gewerkschaften wurden als Gäste nur
sehr selten gesichtet. Diese Sprachlosigkeit zwischen zwei der tragenden Säulen
unserer Gesellschaft gibt Anlass zur Sorge. Dies wurde vom rheinischen Präses Nikolaus
Schneider festgestellt und er mahnte für die Zukunft eine engere Zusammenarbeit
an. Michael Sommer bemängelte, dass Kirchenvertreter den Reformkurs der Agenda 2010
für richtig halten. Er stellte fest, dass es für die Gewerkschaften schwierig sei,
mit den Kirchen eine politische Initiative zu starten. Ein Hemmnis ist die "Diplomatie"
der Kirchen, aber auch die zwiegespaltene Haltung der Sozialverbände zu Ein-Euro-Jobs.
Die anwesenden Vertreter der Kirchen unterstrichen die Notwendigkeit von wirtschaftlichen
und sozialen Reformen. Grundsätzlich zur Sozialen Marktwirtschaft und zur Weiterentwicklung
des Sozialstaates ohne Systemwechsel und in der Berufung auf eine Sozialkultur sind
sich Kirche und Gewerkschaft sehr nahe. Traugott Jähnichen, als Professor für christliche
Gesellschaftslehre in Bochum, betonte nochmals auch die Unterschiede im gesellschaftspolitischen
Vorgehen. So unterstützt die EKD die Entwicklung eines zweiten Arbeitsmarktes und
privater Vorsorgepflicht. Von unserer Kirche kaum beachtet, funktioniert schon seit
Jahrzehnten eine enge Zusammenarbeit des DGB mit den christlichen Arbeitnehmerorganisationen.
Bei den Sozialwahlen treten DGB und Arbeitsgemeinschaft Christlicher Arbeitnehmerorganisationen
teilweise in Listenverbindungen an.
Dies bedeutet, dass sich beide um Eckpunkte der sozialen Politik bemüht haben und
gemeinsam für diese streiten. Im Fokus unserer Arbeit, sei es nun christlich oder
gewerkschaftlich, ist die Unterstützung und Weiterbildung der Kolleginnen und Kollegen,
wenn sie in Berührung mit den Sozialkassen kommen.
Bei den letzten Sozialwahlen haben die christlichen Arbeitnehmerorganisationen ein
besseres Ergebnis als der DGB erzielt. Dieser für uns positive Umstand zeigt allerdings
auch, dass die Akzeptanz der Gewerkschaften nachlässt und es in unserer Gesellschaft
einen Wunsch nach christlichen Werten, auch in der Arbeitswelt, gibt. Christliche
Arbeitnehmervertreter präsentieren sich selten mit einem politischen Dogma, es geht
ihnen um die Menschen in kritischen Situationen. Mehrere hundert Rentenberater,
Teilnehmer in Widerspruchsstellen und Mitglieder von Vertreterversammlungen, arbeiten
in ihrer Freizeit für diese Anliegen.
Uns verblüfft immer wieder, wie wenig die Synodalen, z.B. von den Sozialwahlen und
den Aufgaben der Vertreter in den Vertreterversammlungen wissen. Es gelingt den
Theorievertretern der Arbeitsmarktpolitik immer wieder den Rat davon zu überzeugen,
dass ein gesellschaftspolitischer Disput unter Hauptamtlichen wichtiger sei, als
dieses ehrenamtliche Engagement unserer Kolleginnen und Kollegen.
Spürbar sind die Wendungen in den Bemühungen der EKD, Gespräche mit Arbeitgebern
und ihren Organisationen zu präferieren. Es soll mit Fachtagungen und gemeinsamen
Aktionen Einfluss auf die gesellschaftspolitische Entwicklung aus Sicht der Habenden
genommen werden.
Wir als Arbeitnehmervertreter weisen nochmals darauf hin, dass die Gebenden, nämlich
die Kirchensteuerzahler und somit die Arbeitnehmer, die Kirche finanzieren. Nicht
nur der soziale Auftrag, nämlich sich um die sozial Schwachen zu kümmern, sondern
auch die eigene Finanzkraft, hängt vom Wohl und Wehe der Arbeitnehmerschaft ab.
Auf völliges Unverständnis stößt, dass sich die EKD jetzt aus der Finanzierung der
ehrenamtlichen Arbeitnehmerverbände zurückziehen und sich statt dessen im Elfenbeinturm
zu Hannover auf die Wirtschaft konzentrieren will. Diese Entwicklung ist bedauerlich
und nimmt den Arbeitnehmern in den Kirchen noch mehr Einfluss.
Für uns als gewerkschaftlich organisierte Mitglieder der evangelischen Arbeitnehmerorganisationen
sind die Differenzen zwischen den Gewerkschaften und unserer Kirche nicht nur ein
finanzielles Problem sondern auch ein mentales. Es entwickelt sich die Frage, in
wie weit unsere Organisationen nicht vielleicht profitieren können, und als Mittler
Brücken schlagen zwischen den Kontrahenten.
Matthias Gehlhar
Bundesgeschäftsführer des BVEA