Gewerkschaften und Kirche
Sprachlosigkeit entgegenwirken
Fachforum mit DGB-Chef Sommer und
Präses Schneider in Düsseldorf / Differenzen wurden deutlich / Verständnis in
der Kirche für Sozialwahlen gering
Der
Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, will sich
mit den Kirchen gemeinsame Positionen für gerechte Sozialreformen einsetzen.
Dies stieß auf breite Zustimmung im Dezember 2005 auf dem Fachforum "Kirche
und Gewerkschaften" in Düsseldorf. Die Evangelische Kirche im Rheinland hatte
zu einer Aussprache über das angespannte Verhältnis beider Institutionen eingeladen.
Seit der Synode 1955 in Espelkamp hat die Evangelische Kirche in Deutschland
eine klare Linie in ihrer Arbeitnehmerarbeit gezogen. Es ging damals um die
Entwicklung christlicher Gewerkschaften auf deutschem Boden und die Anwesenden
einigten sich auf Unterstützung der Einheitsgewerkschaft DGB. Die christlichen
Gewerkschaften waren ein Kind der katholischen Kollegen. Sie existieren bis
heute, sind aber nur eine Randfigur in Tarifkonflikten.
Die Einheitsgewerkschaft hat im Rückblick unser Land stabilisiert, Tarifkonflikte
und Streiks im Rahmen gehalten. Die evangelischen Arbeitnehmerorganisationen
haben sich von Anfang an dieser Unterstützung angeschlossen.
In den Reihen der evangelischen Arbeitervereine gibt es sehr viele gewerkschaftlich
organisierte Mitglieder, die ein berechtigtes Interesse daran haben, ihren gelebten
christlichen Glauben auch in der Arbeitswelt widergespiegelt zu sehen.
Traditionell haben sich die Kirchen nie sehr gut mit den Gewerkschaftsvertretern
verstanden, denn einerseits sind die Kirchen als größte Arbeitgeber im sozialen
Bereich ganz erheblich von Tarifverhandlungen mit abhängig und agieren als Arbeitgeber
aus einer aufgeräumten Position. Andererseits, gesellschaftspolitisch haben
die Kirchen jedoch eine klare Position, die Interessen der gesellschaftlich
Schwachen zu unterstützen, aber gleichzeitig die gesellschaftliche Entwicklung
zu analysieren und gesamtgesellschaftliche Entwicklungen in den Mittelpunkt
zu stellen.
Auf
diesem Treffen wurde deutlich, dass sich zwar die Angestellten der Kirchen eine
Unterstützung der Gewerkschaften wünschen, die allerdings von ver.di derzeit
nicht wirklich gegeben wird. Die kirchlichen Mitarbeiter arbeiten mit dem "dritten
Weg", welcher bedeutet, dass eine Mitarbeitervertretung (MAV) mit den Arbeitgebern
die Arbeitsbedingungen aushandelt. Hauptknackpunkt bei den Verhandlungen mit
den Gewerkschaften war und ist das Streikverbot, um berechtigte Forderungen
durchzusetzen.
Natürlich fällt auch uns auf, dass in der Evangelischen Kirche in Deutschland,
in den Synoden nur eine sehr geringe Anzahl von Arbeitnehmervertretern sitzt.
Wir haben diese Zusammensetzung immer als gesellschaftsunrealistisch angeprangert,
denn dies bedeutet ja, das der Hauptkirchensteuerzahler kaum in diesen Gremien
vertreten ist. Hochrangige Persönlichkeiten aus dem Kreis der Gewerkschaften
wurden als Gäste nur sehr selten gesichtet. Diese Sprachlosigkeit zwischen zwei
der tragenden Säulen unserer Gesellschaft gibt Anlass zur Sorge. Dies wurde
vom rheinischen Präses Nikolaus Schneider festgestellt und er mahnte für die
Zukunft eine engere Zusammenarbeit an. Michael Sommer bemängelte, dass Kirchenvertreter
den Reformkurs der Agenda 2010 für richtig halten. Er stellte fest, dass es
für die Gewerkschaften schwierig sei, mit den Kirchen eine politische Initiative
zu starten. Ein Hemmnis ist die "Diplomatie" der Kirchen, aber auch die zwiegespaltene
Haltung der Sozialverbände zu Ein-Euro-Jobs.
| Angespanntes Verhältnis der Säulen der Gesellschaft |
Die anwesenden Vertreter der Kirchen unterstrichen die Notwendigkeit von
wirtschaftlichen und sozialen Reformen. Grundsätzlich zur Sozialen Marktwirtschaft
und zur Weiterentwicklung des Sozialstaates ohne Systemwechsel und in der Berufung
auf eine Sozialkultur sind sich Kirche und Gewerkschaft sehr nahe. Traugott
Jähnichen, als Professor für christliche Gesellschaftslehre in Bochum, betonte
nochmals auch die Unterschiede im gesellschaftspolitischen Vorgehen. So unterstützt
die EKD die Entwicklung eines zweiten Arbeitsmarktes und privater Vorsorgepflicht.
Von unserer Kirche kaum beachtet, funktioniert schon seit Jahrzehnten eine enge
Zusammenarbeit des DGB mit den christlichen Arbeitnehmerorganisationen. Bei
den Sozialwahlen treten DGB und Arbeitsgemeinschaft Christlicher Arbeitnehmerorganisationen
teilweise in Listenverbindungen an.
Dies bedeutet, dass sich beide um Eckpunkte der sozialen Politik bemüht haben
und gemeinsam für diese streiten. Im Fokus unserer Arbeit, sei es nun christlich
oder gewerkschaftlich, ist die Unterstützung und Weiterbildung der Kolleginnen
und Kollegen, wenn sie in Berührung mit den Sozialkassen kommen.
Bei den letzten Sozialwahlen haben die christlichen Arbeitnehmerorganisationen
ein besseres Ergebnis als der DGB erzielt. Dieser für uns positive Umstand zeigt
allerdings auch, dass die Akzeptanz der Gewerkschaften nachlässt und es in unserer
Gesellschaft einen Wunsch nach christlichen Werten, auch in der Arbeitswelt,
gibt. Christliche Arbeitnehmervertreter präsentieren sich selten mit einem politischen
Dogma, es geht ihnen um die Menschen in kritischen Situationen. Mehrere hundert
Rentenberater, Teilnehmer in Widerspruchsstellen und Mitglieder von Vertreterversammlungen,
arbeiten in ihrer Freizeit für diese Anliegen.
| Uns geht es um die Menschen in kritischen Situationen |
Uns verblüfft immer wieder, wie wenig die Synodalen, z.B. von den Sozialwahlen
und den Aufgaben der Vertreter in den Vertreterversammlungen wissen. Es gelingt
den Theorievertretern der Arbeitsmarktpolitik immer wieder den Rat davon zu
überzeugen, dass ein gesellschaftspolitischer Disput unter Hauptamtlichen wichtiger
sei, als dieses ehrenamtliche Engagement unserer Kolleginnen und Kollegen.
Spürbar sind die Wendungen in den Bemühungen der EKD, Gespräche mit Arbeitgebern
und ihren Organisationen zu präferieren. Es soll mit Fachtagungen und gemeinsamen
Aktionen Einfluss auf die gesellschaftspolitische Entwicklung aus Sicht der
Habenden genommen werden.
Wir als Arbeitnehmervertreter weisen nochmals darauf hin, dass die Gebenden,
nämlich die Kirchensteuerzahler und somit die Arbeitnehmer, die Kirche finanzieren.
Nicht nur der soziale Auftrag, nämlich sich um die sozial Schwachen zu kümmern,
sondern auch die eigene Finanzkraft, hängt vom Wohl und Wehe der Arbeitnehmerschaft
ab.
Auf völliges Unverständnis stößt, dass sich die EKD jetzt aus der Finanzierung
der ehrenamtlichen Arbeitnehmerverbände zurückziehen und sich statt dessen im
Elfenbeinturm zu Hannover auf die Wirtschaft konzentrieren will. Diese Entwicklung
ist bedauerlich und nimmt den Arbeitnehmern in den Kirchen noch mehr Einfluss.
Für uns als gewerkschaftlich organisierte Mitglieder der evangelischen Arbeitnehmerorganisationen
sind die Differenzen zwischen den Gewerkschaften und unserer Kirche nicht nur
ein finanzielles Problem sondern auch ein mentales. Es entwickelt sich die Frage,
in wie weit unsere Organisationen nicht vielleicht profitieren können, und als
Mittler Brücken schlagen zwischen den Kontrahenten.
Matthias Gehlhar
Bundesgeschäftsführer des BVEA

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