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BVEA Rundschau der Evangelischen Arbeitnehmer Ausgabe 4 - 2005
Zum Geleit
Liebe Leserinnen und Leser,
nun haben wir sie gewählt, die Große Koalition. Alle geplanten und Vorbedachten
Koalitionen unter einem roten Kanzler oder einer schwarzen Kanzlerin waren am Wahlabend
zerstoben. Die Wählerinnen und Wähler, also wir, haben anders entschieden. Mochte
mancher Politiker oder manche Politikerin noch gedacht haben, dieses Ergebnis mag
ich nicht, ich suche mir lieber ein neues Volk, so dauerte es nicht lange, bis die
Realisten die gegebenen Verhältnisse annahmen.
Das hat uns dann die Große Koalition beschert. Sicherlich heißt das zunächst: Alte
Fronten abbauen, Vorbehalte und Vorurteile einmotten, Gräben und künstliche Gegensätze
zuschütten - mit dem Ziel, Vertrauen herzustellen. Denn das ist dringend notwendig,
damit das Land einen Schritt nach vorne macht.
Das ist das Ergebnis dieser Wahl: Wir haben dem puren Liberalismus, dem neoliberalen
Fetisch der Ökonomie, eine klare Absage erteilt. Die Neuauflage des Kapitalismus,
wie sie mit den Namen Thatcher oder Reagan verbunden ist, will die deutsche Bevölkerung
nicht haben. Diese Lektion hat die CDU schnell gelernt und das Leipziger Programm,
für das sich Angela Merkel vor zwei Jahren so stark gemacht hatte, über Bord geworfen.
Die andere Seite ist die: Die Deutschen wollen die Fortentwicklung des Wohlfahrtsstaates.
D.h. die Politik hat den Auftrag, eine zeitgemäße Form der Sozialen Marktwirtschaft
zu konzipieren und dann umzusetzen. Das gilt für die Altersvorsorge insgesamt, die
Rentenversicherung, die Arbeitslosenversicherung, die Förderung der Kinder, wieder
einmal die Krankenversicherung ...
Als Vorsitzende des BVEA habe ich daher nach der Wahl wichtige Politikerinnen und
Politiker aller Parteien angeschrieben, dass sie diesen sozialen Belangen die entsprechende
Aufmerksamkeit widmen (nachzulesen auf Seite 6 der Rundschau). Es ist in dieser
historischen Situation wichtig, in der Richtungsentscheidungen für langfristige
Entwicklungen getroffen werden (müssen), die Stimme zu erheben - auch wenn wir im
BVEA nur einen kleinen Teil des umfassenden sozialen Protestantismus im Rahmen der
EKD verkörpern.
Der BVEA wird daher auch in der kommenden Zeit bei Einzelentscheidungen für die
sozialen Systeme, wie gehabt, wieder die Stimme erheben.
Viele Gedanken macht mir der
Umgang der Parlamentarier untereinander. Kaum eine Debatte im Bundestag kann man
verfolgen, ohne dass man erleben muss, wie sehr die Damen und Herren Abgeordneten
in einen rüden Ton verfallen. Daran ist vor allem aber erschreckend, dass sie öffentlich
den anderen keine Achtung geben, dass sie die anderen als Personen und Experten
nicht akzeptieren und häufig ihn/sie lächerlich machen. Eigentlich nehmen sie sich
damit selbst die Würde, indem sie dem Gegner/der Gegnerin nicht den notwendigen
Respekt erweisen. Alles geht nach dem Motto: Hauen und Stechen! Klar geht es im
Wahlkampf auch mal heftiger zur Sache, und das soll auch so sein. Das Parlament
jedoch ist ein anderes Podium. Sachdebatten sind erwünscht - aber bitte im gegenseitigen
Respekt, der erlaubt, auch nachher noch menschenwürdig miteinander zu verkehren.
Eines sollten unsere Politiker in diesem Zusammenhang bedenken: Sie sind, ob sie
wollen oder nicht, allein durch ihre ständige Präsenz in den Medien auch Vorbilder
in der und für diese Gesellschaft. Die Verrohung unserer Jugend sollte zu denken
geben.
Eine Frau an der Spitze der Bundesregierung hat eine etwas andere Kommunikation
eingeführt. Auch wenn das, was sie sagt, nicht meinen Beifall finden muss, hat sie
doch einen anderen Stil bei ihren Äußerungen, bei dem einem nicht sofort "Gift"
oder "Säbel" in den Sinn kommt.
Nach dem christlichen Jahreszyklus beginnt nun bald die "friedliche Zeit". So richtig
daran glauben mag man nicht, bei all dem, was politisch auf der Agenda steht. Oder
ist gerade dies unser derzeitiger Auftrag - innehalten, besinnen auf das Wesentliche,
auf christlicher Basis friedlich ringen, z.B. um den besten Weg für die Würde der
Menschen - wie es vor zweitausend Jahren begann?
Ich wünsche allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest, vor allem ein friedvolles
neues Jahr!
Brunhild Bald
Bundesvorsitzende des BVEA