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BVEA Rundschau der Evangelischen Arbeitnehmer Ausgabe 4 - 2005
Soziale Sicherung
Reform oder Demontage - Ende des Sozialstaats?
"Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott."
Die tief greifenden Veränderungen, die sich mit der Agenda 2010 für die Sozialordnung
unserer Gesellschaft ergeben, verdienen wohl eher die Bezeichnung Demontage.
Damit ist noch nichts gesagt über ihre Unabwendbarkeit. Beschönigende Worte wie
Umbau oder Reform sind allerdings irreführend. Die Grundpfeiler des vertrauten bis
dahin gültigen Sozialmodells bestehen nicht mehr. Waren Sozialleistungen bisher
erworbene, einklagbare "soziale Bürgerrechte", so ist an ihre Stelle nun eine "aktivierende"
Hilfestellung durch den Staat getreten, die dem Bedürftigen Beine macht und ihn
rigorosen Prüfungen unterzieht. Wer nicht spurt und den Zwangsauflagen nicht folgt,
hat von seinem Staat nichts mehr zu erwarten., auch wenn er für seine Misere nicht
selbst verantwortlich ist und aus eigener Kraft nicht auf die Beine kommt. Norbert
Wohlfart spricht von "aktivierendem Zynismus", denn viele gehen dabei in die Knie.
Begleitet und begründet wird dieser Umbruch (besser Abbau) im Sozialsystem mit verdächtig
eingängigen Schlagworten wie "Fördern und Fordern" oder "Stärkung der Eigenverantwortung".
Alle öffentlichen Sozialleistungen dienen - wie es heißt - dem Ziel, den Einzelnen
zu befähigen, die Chancen zur Lebensgestaltung selbst zu ergreifen. Die Rede ist
vom "Unternehmer seiner Selbst".
Der Einzelne soll seine Probleme selbst lösen. Das heischt nach Zustimmung. Aber
bei genauem Hinsehen zeigen sich die Widersprüche, die Halbwahrheiten und Irreführungen.
Der Einzelne wird in die Pflicht genommen. Nach den eigentlichen Ursachen und Verursachern
seiner sozialen Schieflage wird nicht gefragt.
Eigenverantwortete Lebensgestaltung, kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche
Teilhabe setzt voraus, dass der Einzelne auch Zugang hat zu Bildung, Qualifizierung,
Erwerbsfeldern und finanziellem Rückhalt. Wie viele sind hier chancenlos und einflusslos?
Wenn man nur bedenkt, welche Rolle die soziale Herkunft spielt und wie es um den
Zugang zu Bildungsangeboten steht .(Pisa hat das veranschaulicht.) Die Benachteiligung
von Frauen, Müttern, Alleinerziehenden, Migranten ist immer noch erheblich.
Fazit: Der Staat fordert vom Einzelnen Eigenverantwortung und gibt die gesellschaftliche
Verantwortung für seine Bürger ab. Verkürzt ausgedrückt: Ein jeder sorge für sich
selbst; nach der Devise "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott."
Peer Steinbrück hat es auf den Punkt gebracht: "Soziale Gerechtigkeit muss künftig
heißen, eine Politik für jene zu machen, die etwas für die Zukunft unseres Landes
tun: Die lernen, sich qualifizieren, die arbeiten, die Kinder bekommen und erziehen,
die etwas unternehmen, kurzum, die Leistung für sich und unsere Gesellschaft erbringen.
Um die und nur um sie muss sich Politik kümmern." (Die Zeit Nr. 47, 2003)
Die Folgen sind schon jetzt überdeutlich. Das Wir-Gefühl in der Gesellschaft geht
verloren.
Solidarisches Verhalten steht nicht hoch im Kurs. Bemerkenswert in diesen Tagen
ist die Äußerung eines führenden Vertreters der Wirtschaft, in erster Linie sei
es Aufgabe der Unternehmen, Gewinne zu machen und nicht Arbeitsplätze zu schaffen.
Angesichts sozial ungleich verteilter Lebens- und Teilhabechancen ist eine aktive
Wohlfahrtspolitik unerlässlich. Sie bleibt Grundvoraussetzung für alle sozialinvestiven
Aktivierungskonzepte.
Die Gesamtgesellschaft trägt die Verantwortung für eine Wohlfahrtspolitik, die soziale
Bürgerrechte garantiert, Armut aktiv bekämpft, Bildungschancen demokratisiert und
Arbeitsmarktrisiken in Zeiten unsicherer Erwerbsverläufe sozial-politisch in Grenzen
hält.
Helmut Faber