Soziale Sicherung
Reform oder Demontage - Ende des
Sozialstaats?
"Hilf
dir selbst, dann hilft dir Gott."
Die tief greifenden Veränderungen, die sich mit der Agenda 2010 für die Sozialordnung
unserer Gesellschaft ergeben, verdienen wohl eher die Bezeichnung Demontage.
Damit ist noch nichts gesagt über ihre Unabwendbarkeit. Beschönigende
Worte wie Umbau oder Reform sind allerdings irreführend. Die Grundpfeiler des
vertrauten bis dahin gültigen Sozialmodells bestehen nicht mehr. Waren Sozialleistungen
bisher erworbene, einklagbare "soziale Bürgerrechte", so ist an ihre Stelle
nun eine "aktivierende" Hilfestellung durch den Staat getreten, die dem Bedürftigen
Beine macht und ihn rigorosen Prüfungen unterzieht. Wer nicht spurt und den
Zwangsauflagen nicht folgt, hat von seinem Staat nichts mehr zu erwarten., auch
wenn er für seine Misere nicht selbst verantwortlich ist und aus eigener Kraft
nicht auf die Beine kommt. Norbert Wohlfart spricht von "aktivierendem Zynismus",
denn viele gehen dabei in die Knie. Begleitet und begründet wird dieser Umbruch
(besser Abbau) im Sozialsystem mit verdächtig eingängigen Schlagworten wie "Fördern
und Fordern" oder "Stärkung der Eigenverantwortung". Alle öffentlichen Sozialleistungen
dienen - wie es heißt - dem Ziel, den Einzelnen zu befähigen, die Chancen zur
Lebensgestaltung selbst zu ergreifen. Die Rede ist vom "Unternehmer seiner Selbst".
| Das Wir-Gefühl in der
Gesellschaft geht verloren |
Der Einzelne soll seine Probleme selbst lösen. Das heischt nach
Zustimmung. Aber bei genauem Hinsehen zeigen sich die Widersprüche, die Halbwahrheiten
und Irreführungen. Der Einzelne wird in die Pflicht genommen. Nach den eigentlichen
Ursachen und Verursachern seiner sozialen Schieflage wird nicht gefragt.
Eigenverantwortete Lebensgestaltung, kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche
Teilhabe setzt voraus, dass der Einzelne auch Zugang hat zu Bildung, Qualifizierung,
Erwerbsfeldern und finanziellem Rückhalt. Wie viele sind hier chancenlos und
einflusslos? Wenn man nur bedenkt, welche Rolle die soziale Herkunft spielt
und wie es um den Zugang zu Bildungsangeboten steht .(Pisa hat das veranschaulicht.)
Die Benachteiligung von Frauen, Müttern, Alleinerziehenden, Migranten ist immer
noch erheblich.
Fazit: Der Staat fordert vom Einzelnen Eigenverantwortung und gibt die gesellschaftliche
Verantwortung für seine Bürger ab. Verkürzt ausgedrückt: Ein jeder sorge für
sich selbst; nach der Devise "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott."
Peer Steinbrück hat es auf den Punkt gebracht: "Soziale Gerechtigkeit
muss künftig heißen, eine Politik für jene zu machen, die etwas für die Zukunft
unseres Landes tun: Die lernen, sich qualifizieren, die arbeiten, die Kinder
bekommen und erziehen, die etwas unternehmen, kurzum, die Leistung für sich
und unsere Gesellschaft erbringen. Um die und nur um sie muss sich Politik kümmern."
(Die Zeit Nr. 47, 2003)
Die Folgen sind schon jetzt überdeutlich. Das Wir-Gefühl in der Gesellschaft
geht verloren.
Solidarisches Verhalten steht nicht hoch im Kurs. Bemerkenswert in diesen Tagen
ist die Äußerung eines führenden Vertreters der Wirtschaft, in erster Linie
sei es Aufgabe der Unternehmen, Gewinne zu machen und nicht Arbeitsplätze zu
schaffen.
Angesichts sozial ungleich verteilter Lebens- und Teilhabechancen ist eine aktive
Wohlfahrtspolitik unerlässlich. Sie bleibt Grundvoraussetzung für alle sozialinvestiven
Aktivierungskonzepte.
Die Gesamtgesellschaft trägt die Verantwortung für eine Wohlfahrtspolitik, die
soziale Bürgerrechte garantiert, Armut aktiv bekämpft, Bildungschancen demokratisiert
und Arbeitsmarktrisiken in Zeiten unsicherer Erwerbsverläufe sozial-politisch
in Grenzen hält.
Helmut Faber
Empfehlenswert zu lesen:
Klaus Krämer: Eigenverantwortung und Teilhabe. FiAB 22.-23.04.2005.
Norbert Wohlfahrt: Agenda 2010 - Sozialstaat am Ende? Manuskript zur Aktionskonferenz
des Bündnisses Soziale Bewegung NRW.

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Inhalt BVEA-Archiv 4-2005
Editorial
Zum Geleit
Glauben - Jahreslosung 2006
Reform oder Demontage - Ende des Sozialstaats?
Zu guter Letzt
Presse:
Christliches Menschenbild als Kompass
Offener Brief an die Fraktionsvorsitzenden der Grünen/Bündnis 90, der CDU/CSU,
SPD und FDP
Inhalt
Aktuelles 4-2005 aus den Landesverbänden:
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