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BVEA Rundschau der Evangelischen Arbeitnehmer Ausgabe 4 - 2005
Christliches Menschenbild
als Kompass
Offener Brief an die Fraktionsvorsitzenden der Grünen/Bündnis 90, der CDU/CSU, SPD
und FDP
Mit großer Sorge habe ich die inhaltlichen Auseinandersetzungen der letzten Wahlkampfwochen
beobachtet und sehe voller Unruhe die Festlegungen der Ziele der parlamentarischen
Arbeit für die kommende Zeit.
Im Blick auf die Verhandlungen, die in den nächsten Tagen und Wochen anstehen, möchte
ich daher dringend in Erinnerung rufen, dass in diesem Land die sozialpolitischen
Entscheidungen traditionell im Geiste christlicher Solidarität gefällt wurden. Mir
ist gleichwohl bewusst, welcher Wandel in den Systemen und Strukturen der sozialen
Vorsorge und Sicherung fällig sind.
Daher appelliere ich mit allem Nachdruck an die Wertebindung der Politik, für die
Sie Verantwortung tragen. Politik wird auch danach bewertet, wie sie mit den Menschen
am Rande der Gesellschaft, den Armen und Schwachen umgeht, sie absichert und schützt.
Nehmen Sie - bei Ihren sozialpolitischen Aktivitäten - diesen Gruppen nicht die
Würde, am gesellschaftlichen und politischen Leben teilzunehmen, oder zumindest
den Lebensabend in Würde führen zu können, auch in den Krankenhäusern und Pflegeheimen.
Wir legen darüber hinaus Wert darauf, dass die junge Generation ihre eigene Zukunft,
am besten durch ihrer eigenen Hände Arbeit, gestalten kann und dabei auch einen
Beitrag leistet, die Zukunft dieses Landes mitzugestalten. Berücksichtigen Sie infolgedessen
vor allem, dass junge Familien oder Alleinerziehende ein Leben mit Kindern oberhalb
der Armutsgrenze führen können. Denken Sie schließlich auch daran, dass Firmen eigentlich
nicht daran interessiert sind und nicht daran interessiert sein können, Arbeitsplätze
an und für sich zu schaffen, geschweige denn, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
unter sozialen Gesichtspunkten abzusichern. Arbeitgeber orientieren sich in erster
Linie an Produktivität und hohen Bilanzresultaten; das ist ihr Interesse. Hier besonders
liegt die Aufgabe des Staates, Auswüchsen und Ausbeutung durch Gesetze Einhalt zu
gebieten.
Es gilt, diese Werteorientierung, das christliche Menschenbild, als Kompass wieder
stärker als bisher in die öffentliche Debatte zu bringen, um der modernen Gesellschaft
mit ihren Chancen und Risiken Wegweisung zu bieten und heute, mehr denn je, die
Weichen für eine menschenwürdige Zukunft in unserem Land zu stellen.
In Bezug auf die Werte des sozialen Protestantismus bitte ich Sie, als Verantwortliche/n,
im Interesse des sozialen Friedens in diesem Land mit allem Nachdruck bei Ihren
Erwägungen und Entscheidungen das "Soziale" auf der Basis unseres christlichen Wertekanons
aufzunehmen.
Mit den besten Wünschen für eine gute wertegebundene Politik grüßt Sie sehr herzlich
im September 2005
Brunhild Bald
Bundesvorsitzende BVEA