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Archiv 3-2005
Agenda zeigt erste Erfolge
Christliche Organisationen haben
in der Mitbestimmung ihren Platz
Rundschau-Interview mit Bundeskanzler
Dr. Gerhard Schröder
Wir sind uns
bewusst, dass das soziale Sicherungssystem aus den Anfängen der Bundesrepublik
nicht mehr existiert. Wir haben auch gelernt zu akzeptieren, dass Reformen notwendig
waren und sind. Uns fehlen jedoch die Perspektiven! Daher stellte die Rundschau-Redaktion
folgende Fragen an Bundeskanzler Dr. Gerhard Schröder:
- Es gilt die Grundlagen der sozialen Gerechtigkeit
bei weiteren Umstrukturierungen zu erhalten. Ist dies ein Wert der Zukunft?
Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit sind auch für die Zukunft die entscheidenden
Werte. Sie haben nichts von ihrer Aktualität oder von ihrer Notwendigkeit verloren.
Unsere Werte haben also Bestand, wir müssen allerdings die Instrumente neu anpassen,
um unsere Werte im Alltag mit Leben zu füllen.
Unsere Gesellschaft in Deutschland ist stark durch die Kraft und die Leistung
der Menschen. Hierzu gehört die Überzeugung, dass gemeinsam erreichter Wohlstand
auch gerecht verteilt werden muss. Hierzu gehören Chancengleichheit und ein
gutes Miteinander der Generationen. Unser Gesellschaftsmodell verbindet Produktivität
und ökonomische Effizienz mit Solidarität und Gerechtigkeit. Dies wollen wir
bewahren und weiterentwickeln, auch mit den Reformen der Agenda 2010. Dies ist
ganz sicher auch ein Wert für die Zukunft. Denn wir haben Perspektiven. Nehmen
Sie die gesetzliche Rentenversicherung: Wir haben die Lasten zwischen Alt und
Jung fair verteilt und dafür gesorgt, dass die Beiträge bezahlbar und die Renten
verlässlich bleiben. In der Gesundheitspolitik bekommt jeder die medizinisch
notwendige Behandlung, unabhängig von Einkommen oder Alter. In der Arbeitsmarktpolitik
gilt gleichberechtigt: Fördern und Fordern. Mehr als eine Million Menschen haben
wir aus der Sackgasse der Sozialhilfe herausgeholt. Sie sind jetzt sozialversichert
und haben Anspruch auf Vermittlung und Qualifizierung.
- Welche unteren sozialen Sicherungsgrenzen halten Sie für notwendig,
um ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen?
Unsere sozialen Sicherungssysteme sind unverzichtbar. Sie schützen umfassend
vor den großen Lebensrisiken: im Alter, bei Invalidität, bei Arbeitslosigkeit,
bei Krankheit und bei Pflegebedürftigkeit. Sie schützen jeden, der vorübergehend
oder längerfristig seinen Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft bestreiten
kann. Gerade in Zeiten tief greifender Veränderung brauchen die Menschen diese
Solidargemeinschaft. Wir stehen für einen Staat, der hilft, ein eigenständiges
Leben zu führen, einen Staat, der da ist, wenn Hilfe gebraucht wird. Deshalb
machen wir unsere Sozialsysteme durch maßvolle Reformen zukunftsfähig. Damit
sie auch morgen die notwendige Sicherheit bieten können. Konkret heißt das nichts
anderes, als in den Sozialversicherungssystemen für Mindest- und Grundsicherungen
zu sorgen, damit ein menschenwürdiges Leben gewahrt bleibt.
- Was können christliche Arbeitnehmerorganisationen, die christliche
Werte vertreten, zur Lösung der Probleme beitragen?
Sie können in ihrer Arbeit mit ihrer Ausrichtung auf das christliche Menschenbild
so etwas wie "Leuchttürme" sein. Sie können auf gelungene Initiativen in Betrieben
und Unternehmen aufmerksam machen und hierbei mit anderen Verbänden zusammenwirken.
Und nicht zuletzt können sie Unternehmer, aber auch die Politik darauf hinweisen,
wenn sich im Alltag Probleme zeigen, die eben nur vor Ort sichtbar werden.
- Die Arbeitsplätze in Deutschland werden dramatisch weniger. Welche
Maßnahmen sind notwendig um einen Wirtschaftsaufschwung zu initiieren? Und
was kann speziell eine sozialdemokratische Politik dazu beitragen?
Tatsache ist: Die Beschäftigung in Deutschland steigt! 2004 sind im Vergleich
zum Vorjahr 138.000 neue Arbeitsplätze entstanden. Gegenüber 1998 gibt es insgesamt
950.000 neue Jobs, auch bedingt durch den Zuwachs bei Existenzgründungen und
geringfügiger Beschäftigung.
Tatsache ist auch, dass die Arbeitslosigkeit nicht parallel sinkt, weil zunehmend
Menschen, und das ist eine positive Entwicklung, eine Erwerbstätigkeit anstreben.
Zudem haben wir seit Anfang des Jahres fast 400.000 erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger
aus der verdeckten Arbeitslosigkeit herausgeholt und in der Arbeitslosenstatistik
neu mitgezählt.
Die Agenda 2010 steht für ein Reformprogramm, das die Wachstumskräfte in Deutschland
unter den Bedingungen der Globalisierung und der demografischen Entwicklung
nachhaltig stärkt, die Bedingungen für neue Beschäftigung verbessert und die
Arbeitslosigkeit langfristig zurückführen wird. Für die Bundesregierung ist
unabdingbar, dass dieser Prozess sozial gerecht erfolgt. Deshalb haben wir bei
der Steuerreform vorrangig die Steuersätze für untere Einkommensgruppen gesenkt
und das steuerfreie Existenzminimum deutlich angehoben.
- Was sollten nach Ihrer Auffassung christliche Arbeitnehmerorganisationen
unterstützend tun, damit sich im Arbeitgeberbereich glaubwürdig sozial verantwortliches
Handeln durchsetzt?
Ich bin überzeugt, dass christliche Arbeitnehmerorganisationen sich im Rahmen
der Mitbestimmung in den Betrieben engagiert für sozial verantwortliches Handeln
einsetzen. Sie können dafür werben, dass möglichst viele Unternehmen die ethischen
Standards und Empfehlungen für gute Unternehmensführung des Deutschen Corporate
Governance Kodex anwenden. Zusammen mit der kürzlich von der Bundesregierung
verabschiedeten Offenlegungspflicht von Vorstandsgehältern ist dies eine gute
Basis für Transparenz und Verantwortung in der Wirtschaft.
Juli 2005
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Inhalt BVEA-Archiv
3-2005
Kirchentag 2005
Presse:
Pressemitteilung Exklusivinterview
mit Dr.Gerhard Schröder und Ergebnisse Sozialwahlen 2005
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