Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen e.V.
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23.08.05
____________________...Aktuelles
BVEA Rundschau Ausgabe
2 - 2005
Glauben
Auf dem Weg der
Freiheit
Gerechtigkeit inhaltlich bestimmen, nicht nur zur bloßen Verfahrensfrage machen.
Und wenn dich heute oder morgen dein Kind fragen wird: Was bedeutet das? Sollst
du ihm sagen: der Herr hat uns mit mächtiger Hand aus Ägypten, aus der
Knechtschaft, geführt. (2. Moses 13, 14)
Die Geschichte des Christentums und der Kirche - eine Befreiungsgeschichte? So
recht mag man es nicht glauben! Haben nicht gerade jüngst die Bilder im
Zusammenhang mit dem Tod des alten und der Wahl und Inthronisation des neuen
Papstes noch einmal deutlich gezeigt, wie sehr gerade Christinnen und Christen
rund um den Erdball sich nach der großen religiösen Autorität, nach dem realen
Stellvertreter Christi sehnen, dem sie es dann getrost überlassen können, ihnen
zu sagen und vorzuleben, was es heißt, Christ zu sein? Und haben nicht viele
Protestanten die katholischen Geschwister heimlich ein wenig um dieses
großartige Schauspiel beneidet und von dessen Aufmerksamkeitswert ebenfalls ein
Stückchen abzukriegen versucht! Die lutherische und auch die reformierte
"Freiheit eines Christenmenschen", seine Unmittelbarkeit zu Gott ohne die
priesterliche Vermittlung einer kirchlichen Hierarchie, - gut und schön, solange
sie nur religiös gefasst wird als Glaubens- und Gewissensfreiheit. Kommen
politische Töne hinein, hat gerade auch der deutsche Protestantismus sich lange
Zeit nicht gern auf die Befreiungsgeschichte berufen, sondern den alten
Obrigkeitsstaat als von Gott gegebene Ordnung heilig gesprochen. Bürgerliche
Freiheiten, - das war das Thema der gott- und glaubenslosen Liberalen.
Bürgerliche Freiheiten, - das war das Thema der gott- und glaubenslosen
Liberalen.
Doch wenigstens in dieser Hinsicht haben wir gelernt. Sehr spät zwar, aber wohl
noch nicht zu spät, nämlich vierzig Jahre nach dem Neuaufbruch unseres Landes
1945, veröffentlichte der Rat der EKD das grundlegende evangelische Wort zur
Staats- und Gesellschaftsform der Demokratie: die Denkschrift "Evangelische
Kirche und freiheitliche Demokratie - Der Staat des Grundgesetzes als Angebot
und Aufgabe" (1985). In ihr wurde zwar diese Staats- und Gesellschaftsform nicht
heilig gesprochen (dazu besteht ja auch wenig Anlass!), wohl aber dankbar
begrüßt als eine politische Lebensordnung, in der Christinnen und Christen frei
leben und mitwirken können und die Kirchen reichlich Gelegenheit haben,
gesellschaftliche Verantwortung wahr zu nehmen.
Im Zusammenhang mit der im Grundgesetz garantierten Menschenwürde spielen
natürlich auch die individuellen Freiheitsrechte eine entscheidende Rolle.
Insofern bezieht sich die neue Position der evangelischen Kirche - wie damals
das Bekenntnis der Kinder Israels - auf eine erfahrene Befreiungsgeschichte. Und
man wird gewiss nicht sagen können, dass evangelische Stellungnahmen wie auch
die kirchliche Praxis vorher und in der Folgezeit mit den Freiheiten der
Menschen achtlos oder gar fahrlässig umgegangen wäre. In allen Äußerungen zu
gesellschaftlichen Fragen, ob zu Themen der Sozialpolitik, der Wirtschaft oder
der Bildung, aber gerade auch in der Praxis der Kirche, z.B. in ihrer Diakonie,
war die Freiheit des Einzelnen wie die aus ihr entspringende Verantwortlichkeit
von maßgeblicher Bedeutung.
Heute sprechen wir aus guten Gründen von einem neuerlichen
Individualisierungs-Schub in unserer Gesellschaft, der unter anderem mit den
schier grenzenlos ausgeweiteten Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten des
Einzelnen, aber auch mit dem Abreißen von Traditionen zu tun hat, die früher
menschliches Leben geleitet haben. Paradoxer Weise stellt gerade diese
Entwicklung mit ihrer hohen gesellschaftlichen Differenzierung eine neuartige
Gefährdung der Freiheit des Einzelnen dar, weil sie ihn zu überfordern droht und
seine Entscheidungen zu einem Spielball von Beliebigkeiten macht. Freiheit, die
nicht mehr fest mit gegenseitiger Solidarität verbunden ist, kann sich gegen die
Macht von Institutionen und globalen Trends kaum noch wirksam behaupten..
In diese sicher nicht spannungsfreie, sondern spannende Diskussion haben die
Kirchen dann auch "ihre" Werte einzubringen, z.B. den der sozialen
Gerechtigkeit, die, wie wir gerade aus den Zehn Geboten, dem "Gesetz der
Freiheit", lernen können, die Grundlage der persönlichen Freiheit ist. Dabei
werden wir uns davor hüten müssen, alle Moden der Gerechtigkeits-Diskussion mit
zu machen, z.B. die, die Gerechtigkeit nicht mehr inhaltlich zu bestimmen,
sondern zu einer bloßen Verfahrensfrage zu machen: als "Verfahrensgerechtigkeit"
oder "Befähigungsgerechtigkeit". Gerade mancher neuere kirchliche
Diskussionsbeitrag ist dieser Gefahr nicht immer ganz entgangen, z. B. die
letzte "Wirtschaftsdenkschrift" der EKD (Gemeinwohl und Eigennutz. 1991), die in
dem Abschnitt über soziale Gerechtigkeit nichts Besseres zu bieten hat als einen
summarischen Lexikonartikel, in dem die Positionen ohne eigene Wertung
nebeneinander gestellt werden.
Freiheit, Verantwortung, Solidarität und Gerechtigkeit, - das sind die Werte,
mit denen und ihrem wechselseitigem Verhältnis wir uns heute neu auseinander zu
setzen haben. Hoffen wir, dass wir unseren Kindern und Kindeskindern dann eines
Tages zu erzählen haben, der Glaube an unseren Gott habe uns in eine neue Stufe
der Erfahrung, Erkenntnis und Praxis der Freiheit geleitet.
Dr.Walter
Sohn, Präses des BVEA
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