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Reformen
Generalangriff auf den "rheinischen
Kapitalismus"
Den Markt nicht kritiklos
idealisieren
Ein Ruck muss durch
Deutschland gehen", forderte der damalige
Bundespräsident Herzog in einer vielbeachteten Berliner Rede. Konservative
Kräfte und die Vertreter der Unternehmerverbände hatten den Aufruf sofort
in ihrem Sinne verstanden und vor dem Ruck einfach ein D" gesetzt. Und
in der Tat, seit einigen Jahren geht ein Druck durch Deutschland. Druck
auf die in Jahrzehnten errungenen Rechte der Arbeitnehmer, Druck auf die
Gewerkschaften, Druck auf den sozialen Rechtsstaat, Druck auf den
rheinischen Kapitalismus".
Jeden Tag jagen die Vertreter des so genannten
Neo-Liberalismus" eine neue Sau durchs Dorf. Abschaffung der
35-Stunden-Woche und Erhöhung der Arbeitszeit auf 40 Stunden. Nur wenige Tage
später werden sogar 50 Stunden gefordert. Kurze Zeit darauf: Die
Arbeitnehmer arbeiten nicht nur zu wenig, sie
bekommen auch zuviel Urlaub. Also eine Woche weniger.
Da droht Siemens, wenn ihr nicht 40 Stunden akzeptiert, verlagern wir
Betriebe ins Ausland. Im Interesse der Erhaltung ihrer Arbeitsplätze geben
die Arbeitnehmer klein bei.
| Sollte die CDU an die Macht
kommen, geht es erst richtig zur Sache |
Nach der allgemeinen Unruhe über den Praxis- und
Medikamentenbeitrag der Patienten in der
Gesundheitsreform wird noch eins draufgesetzt. Den Rentnern in
den Altersheimen wird das Taschengeld" im Monat bis zu
60 Euro gekürzt. Sollte die CDU/CSU in einem
Machtwechsel ans Ruder kommen, geht es erst richtig zur Sache: Alle zahlen
eine Kopfpauschale" für die
Krankenversicherung. Also der mit millionenschweren Jahresgehältern und wie der
Mannesmann-Prozess zeigt, im Falle einer Fusion mit zweistelligen
Millionen abgefundene Manager zahlt den gleichen Krankenkassenbeitrag wie
die Rentnerin und der Rentner mit weniger als 1000 Euro im Monat.
Der Neo-Liberalismus marschiert in der Globalisierung zu Lasten der
Arbeitnehmer und Rentner.
Wie schrieb doch die allseits verehrte Herausgeberin der Zeit,
Marion Gräfin Dönhoff, im September
1989, als sich der Zusammenbruch des Real existierenden Sozialismus"
bereits abzeichnete in einem Leitartikel unter dem Titel Am Ende aller Geschichte?"
Niemand kann bestreiten, dass das Marktsystem in seiner Effizienz
von keinem anderen Wirtschaftssystem übertroffen wird; aber wenn der
Markt kritiklos idealisiert wird, wenn er sozusagen als
säkularisierte Eschatologie angesehen wird,
dann entartet das Ganze mit der Zeit zum Catch-as-catch-can. Da wird
einem wirklich bange und man fragt sich, ob nun als nächster absurder Einfall
der Geschichte vielleicht der Kapitalismus zugrund geht und von einem
geläuterten Sozialismus gerettet wird. Das ist
gar nicht so unvorstellbar, wie es klingt.
Der Generalangriff auf den so genannten rheinischen Kapitalismus"
ist bereits in vollem Gange.
Hans-Georg
Glaser
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