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Arbeitsmarkt
Auf- oder abwärts?
Das neue Europa: Jubilate?!
Niedriglohnkonkurrenz wirkt sich aus
Der 1. Mai 2004 ist schon heute ein historischer Tag gewesen -
die willkürliche Spaltung Europas wurde endgültig überwunden! Der 2. Mai 2004
war der 3. Sonntag nach dem Osterfest, der bezeichnender Weise den Namen "Jubilate"
trägt: jubelt, jauchzt! Und tatsächlich wurde in allen 25 Ländern das
geschichtsträchtige Ereignis gebührend gefeiert und vom Fernsehen in die
Wohnungen von nunmehr 450 Millionen Europäern übertragen. Das Fernsehen zeigte
aber auch die Kundgebungen zum 1. Mai, dem Tag der Arbeit auf denen massive
Befürchtungen und Ängste gegenüber der EU-Osterweiterung laut wurden.
Das neue Europa: "Jubilate"? Wird Deutschland nicht zum Verlierer, weil die
Arbeit in bisher unbekanntem Ausmaß abwandert? Nicht nur die
Gewerkschaftsführer, auch namhafte Ökonomen und Unternehmer gehören zu den
Pessimisten. So prophezeit z.B. Hans Werner Sinn, Direktor des Ifo-Instituts in
München, eine lang anhaltende Niedriglohnkonkurrenz mit der Folge einer Spirale
nach unten: niedrigere Einkommen, weniger Wachstum und Wohlstand usw. usw...
Siemens-Chef Heinrich von Pierer droht z.B. ganz offen mit der weiteren
Verlagerung von 2500 Arbeitsplätzen in den Osten; weitere 2500 könnten nur dann
gerettet werden, wenn die Arbeitnehmer entscheidende Zugeständnisse -
insbesondere bei der Arbeitszeit - machen. Aber nicht nur Löhne und Arbeitszeit
sind Knackpunkte, sondern auch die Niedrigsteuern, mit denen die Beitrittsländer
deutsche Unternehmen anlocken - möglicherweise sogar finanziert über deutsche
Steuergelder. Es gibt sehr viele, die den Exodus der deutschen Industrie
befürchten.
| Niedrigere Einkommen, weniger
Wachstum und Wohlstand |
Aber es gibt auch andere. Die Optimisten, wie z.B. der Arbeitgeberpräsident
Dieter Hundt, rechnen mit einer "Win-win-Situation", d.h. mit einer Entwicklung,
bei der alle Beteiligten gewinnen - die neuen Beitrittsländer wie die
etablierten Industriestaaten. Das Wachstum in Osteuropa stimuliere die gesamte
europäische Wirtschaft durch die vermehrten Exporte und auch durch die
Verlagerung von Jobs in die Beitrittsländer. Mit im Ausland produzierten
Zulieferungen für die deutschen Betriebe werde die deutsche Wirtschaft erst
wieder so richtig wettbewerbsfähig, so dass sie ihre Produkte weltweit besser
absetzen könne. Einen besonderen Vorteil ziehe Deutschland aus seiner
geographischen Lage und dem noch immer begehrten Markenzeichen "Made in
Germany". Wissenschaftler, wie der Direktor des Instituts für
Wirtschaftsforschung in Halle, Rüdiger Pohl, meinen z.B. auch, dass bei der
Arbeitsplatzverlagerung das meiste sowieso schon gelaufen sei.
| Arbeit
wandert ab - entsteht aber auch |
Die bisherige Entwicklung spricht jedenfalls eindeutig für die optimistische
Sicht der Dinge. Die Öffnung Osteuropas war für die deutsche Wirtschaft
tatsächlich ein Glücksfall der Geschichte. So heißt es z.B. im Spiegel vom 26.
April 2004 (S.102) dazu: Die deutsche Wirtschaft "eroberte neue Märkte und
erschloss sich kostengünstige Zulieferungen. Hunderttausende Arbeitsplätze
wurden so geschaffen oder gesichert - hier zu Lande wohlgemerkt. Fünf Prozent
aller deutschen Auslandsinvestitionen fließen in die Reformländer Osteuropas,
bis 2001 waren es 33,6 Milliarden Euro. Deutsche Unternehmen kauften sich in
privatisierte Branchen wie Telekommunikation und Energie ein, deutsche
Handelsketten breiteten sich aus. Die Filialen von Metro, Deichmann, Rossmann
oder Lidl säumen die Einfallstraßen der großen Städte. Auch die Verlage haben
den neuen Markt im Osten entdeckt.
Der Springer-Verlag brachte eine polnische Ausgabe von "Newsweek" auf den Markt,
sein Boulevardblatt "Fakt" entwickelte sich binnen weniger Monate zur größten
Zeitung Polens. Schon heute sind die Beitrittskandidaten zusammengenommen noch
vor Frankreich und den Vereinigten Staaten der wichtigste Handelspartner der
Bundesrepublik. Sowohl die Importe als auch die Exporte haben seit Beginn der
neunziger Jahre kontinuierlich zugenommen, zum Teil mit Zuwachsraten von 16
Prozent im Jahr. Seit 1993 hat sich der Wert der gehandelten Waren verfünffacht,
wobei die Deutschen meist mehr exportierten als importierten. In manchen Jahren
betrug der Exportüberschuss über sechs Milliarden Euro.
Das neue Europa: "Jubilate"? Sicherlich ist die weitere Entwicklung von
Wirtschaft und Arbeitsmarkt ein ganz entscheidender Punkt, aber bei weitem nicht
der einzige.
Erinnern Sie sich noch an die Spaltung der Welt in West und Ost, die mitten
durch Europa ja durch Deutschland ging, an den "Eisernen Vorhang", an die
Atomwaffen, die in Europa gegenseitig aufeinander gerichtet waren, an die Toten
an Mauer und Stacheldraht, trennungsbedingte Familientragödien usw. usw...?
Wer das alles bewusst mitgemacht hat, für den muss eigentlich der 1.Mai 2004 ein
Tag der Freude sein.
Das neue Europa - ein Europa des Friedens! Dass der auf den 1. Mai 2004
folgende Sonntag den kirchlichen Namen "Jubilate" trug, war wohl eher eine
Fügung denn Zufall.
Dr. Gerhard Kühlewind
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Inhalt
Ausgabe BVEA Rundschau 3-2004
Berichte der
Aktivitäten des BVEA:
Archiv 3-2004 aus den Landesverbänden
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