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Glauben
Verantwortung statt Eigenliebe
Der plakative neue Mensch - die richtige Antwort auf die Herausforderungen
der Gegenwart?
Es ist schon einige Jahre her: eine Sitzung des Gesprächskreises
Kirche und Wirtschaft hoch oben im höchsten Hochhaus Europas. Die Straßen und
Häuserzeilen des Frankfurter Bahnhofsviertels mit ihren allgemein-menschlichen
und ihren spezifischen Freuden und Problemen liegen tief unter uns und nehmen
sich nur noch ganz winzig aus. Der Hausherr, Präsident einer - versteht sich
- großen Bank unseres Landes, outet sich als evangelischer Pfarrerssohn mit
der Preisgabe seines persönlichen Lebensmottos: "Mitleid bekommst du geschenkt.
Für den Neid der anderen aber musst du hart arbeiten!"
| Gier, Neid und Geiz, statt... |
Die hochrangige kirchliche Delegation, mit zwei leibhaften Bischöfen und
Pröpsten bestückt, hört staunend und beeindruckt zu. Kein einziges Widerwort,
keine kritische Rückfrage. Ist es schon so selbstverständlich geworden, dass
die Ethik vieler Bosse, Pfarrerssohn hin oder her, sich inzwischen so weit entfernt
hat von den Grundsätzen des vormaligen christlichen Kaufmannsstandes oder auch
nur eines bürgerlichen Berufsethos? In den genau geführten Rechnungsbüchern
der Augsburger Fugger stand es noch über jeder einzelnen Seite: Soli Deo gloria
(Zur Ehre Gottes). Aber das ist lange her!
| ...Solidarität, Nächstenliebe,
wirkliche Verantwortung |
Mitleid, ja! Das bekommst du geschenkt! Dafür ist die Kirche ja da. Aber
zum Menschen wirst du erst, wenn andere dich beneiden, weil du mehr kannst,
mehr hast, mehr bist als sie. Wenn sie zu dir aufschauen müssen, wenn du VIP-Klasse
fliegst, wenn man von dir redet (und sei es auch Schlimmes), wenn du ein Star
bist, den man jede Woche zweimal in eine Talkshow einlädt. Wehe allerdings,
wenn die anderen aus ihrem Neid dann auch politische Konsequenzen ziehen wollen;
wenn sie z.B. eine gerechtere Besteuerung der Vermögen oder auch nur die Abschaffung
der Steuerfreiheit von Flugbenzin fordern. Dann handelt es sich um "Gleichmacherei"
und "Sozialneid", also um eine völlig unangebrachte Anmaßung, und das ist so
gut wie das schlimmste Etikett, das man einer politischen Forderung heutzutage
anhängen kann. Beneiden sollen sie uns, - aber bitte immer ohne Konsequenzen!
Schließlich steht es doch jedem frei, selbst eine solch beneidenswerte Position
zu erobern. "Leistung muss sich wieder lohnen!"
In einer Zeit, in der man mit ästhetisch ausgeklügelten Riesenfotos von blutigen
Terroropfern oder von AIDS-Kranken höchst erfolgreich für Produkte der Kleidermode
werben kann, in der auf Plakaten altbekannte religiöse Motive wie das letzte
Abendmahl Jesu in frivoler Aufmachung den Umsatz steigern, - in einer solchen
Zeit gehen Werbestrategen und Wirtschaftsbossen auch solche Sätze leicht von
den Lippen wie "Geiz ist geil!" und "Wir sind noch längst nicht gierig genug!"
(Die Delegiertenversammlung des BVEA in Jena hat dazu in einer Entschließung
Stellung genommen.)
Was ist da passiert, dass frühere Laster so sehr in zeitgemäße Tugenden umdefiniert
werden? - Nun, dieser Prozess ist sicherlich in sich widersprüchlich.
Zum einen macht es schon den Kindern Spaß, wider den Stachel der Wohlanständigkeit
zu löcken und mit dem Feuer zu spielen, zumal dann, wenn es mit keinem hohen
Risiko verbunden ist. Warum nicht mit religiösen Bildern spielen? Warum nicht
mit Lastern kokettieren, bei deren Nennung die Geistlichkeit und die Angehörigen
der Großelterngeneration ihre Stirn in Falten legen, wenn es doch pfiffig, interessant
und ein wenig provozierend gemacht ist und vor allem das Geschäft fördert. Provokationen
dieser Art nutzen sich freilich schnell ab und verlangen ständig nach neuen
Steigerungen. Wann werden auch Bilder wie die von Mel Gibsons Passionsfilm in
Werbestrategien für textile Markenprodukte einbezogen? An der Oberfläche und
somit weit entfernt von den wirklichen Problemen bleiben derlei Show-Aktionen
ohnehin. Zum anderen aber ist diese Entwicklung sicherlich ernster zu nehmen.
Das Hoffähigwerden der alten Laster, ihre Umwandlung in Ehrentitel des In-Seins
weist auf einen ethischen Wertewandel hin, der den primär von ökonomischen Interessen
geleiteten Strukturwandel der Gesellschaft begleitet und ideologisch unterfüttert.
Das ist nicht schon deshalb beklagenswert, weil hier etwas Neues an die Stelle
des überkommenen Alten tritt. Denn in der Tat brauchen wir für radikal veränderte
Lebensbedingungen auch neue Formen von Ethik. Das Bedenkliche liegt vielmehr
in der Banalität und Oberflächlichkeit, mit der das heute geschieht. Auch diesen
Laster-Werten liegt ja ein "Menschenbild" zu Grunde, - aber was für ein billiges!
Der plakatierte neue Mensch ist nichts anderes als der an die Erfordernisse
der ökonomischen Produktion angepasste, seine Fantasie und Kreativität willig
und ausschließlich diesem Ziel unterordnende Produzent und vor allem Konsument.
Der Mensch, der "haben" will - vor allem immer mehr und immer das Neueste -
und nicht "sein". Der sich von Gier, Neid und Geiz bewegen lässt und Solidarität,
Nächstenliebe, wirkliche Verantwortung und die Frage nach inneren Werten den
"Gutmenschen" überlässt, einer belächelnswerten und nahezu fossilen Klasse von
Menschen. Welch klägliches Endergebnis des Liberalismus, der doch vor zweihundertundfünfzig
Jahren mit einem viel tiefer begründeten Verständnis vom freien, selbstverantwortlichen
und sozial verpflichteten Menschen angetreten ist! Es ist nur recht und billig,
dass sich die Kirchen und andere wertorientierte Institutionen der
| Radikal neue Formen von Ethik
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Gesellschaft gegen diese neue Ethik wehren und ernstlich nach der Verantwortung
von uns Menschen fragen, die sich nicht auf den Gehorsam gegenüber dem wirtschaftlich
Rationalen beschränken lässt. Nicht der Ökonomie, sondern Gott sind wir die
Antwort unserer Verantwortung schuldig. Der Mensch ist nicht vorrangig Homo
Oecono-micus, das von seiner ökonomischen Rationalität beherrschte Tier, sondern
Gottes Ebenbild.
Gottes Stimme aber klingt so: "Es ist dir gesagt, Mensch (!), was
gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe
üben und demütig sein vor deinem Gott" (Micha 6, 8). Dass dazu gerade auch
das Bemühen um Gerechtigkeit gehört, also das Gegenteil von Gier, Neid und Geiz,
bringt 5. Moses 10, 12 noch deutlicher zum Ausdruck. (Aber das mag jeder selbst
aufschlagen.)
Dr. Walter Sohn,
Theologischer
Berater des BVEA
siehe auch: Ethik als Unternehmensmotor
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Inhalt Archiv / Ausgabe
BVEA Rundschau 2-2004
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2-2004
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