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BVEA Rundschau Ausgabe 1-2004
aktionsgemeinschaft
für
arbeitnehmerfragen
in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern
Mehr als ein Generationenwechsel
Um in Zukunft wieder stärker und positiv in das öffentliche Bewusstsein zu rücken, müssen die (christlichen) Arbeitnehmerbewegungen einen Strukturwandel vollziehen, der auf veränderte Ausgangsbedingungen in Politik, Gesellschaft und Ökonomie reagiert. Das ist verbunden mit einem Generationswechsel, der mehr ist als das bloße Ersetzen von älter gewordenen Ehrenamtlichen bzw. Funktionären durch jüngere Nachfolger/innen. Der Göttinger Politologe Franz Walter beschreibt diesen Strukturwandel anlässlich des Bochumer Parteitags für die SPD, der er übrigens politisch nahe steht: Über einhundert Jahre zog die SPD Zuversicht und Stolz daraus, Partei der Arbeiter zu sein." Für die SPD war die Arbeiterschaft die Klasse, die den ökonomischen Reichtum schuf, der die gesellschaftliche Zukunft gehörte, in der sich die sozialistische Mission zu erfüllen hatte. ( ) Das ehemals aktive Subjekt der SPD, die Elite der Facharbeiterschaft, hat die Arbeiterklasse (jedoch) im letzten Vierteljahrhundert verlassen und ist im Zuge der ersten Bildungsreform in den 1970er Jahren in die akademische Dienstleisterklasse der neuen Mitte aufgestiegen. ( ) Aber gerade dieser Aufstieg hat ihr die früheren Kraftquellen und Emanzipationsüberschüsse genommen. Als Partei der entschlossen nach oben drängenden, sozial allerdings blockierten und kulturell ausgegrenzten Facharbeiter war die SPD über viele Jahrzehnte vom Kaiserreich bis Weimar angefüllt von Aufstiegsenergien, kühnen Zukunftsplänen und ambitionierten alternativen politischen Projekten. Ihre Aktivisten strotzten vor Kraft, sprachen noch eine eigene Sprache ( )." Walter kommt zum Fazit: Der Erfolg frisst die eigenen Voraussetzungen unerbittlich auf. ( ) Die Sozialdemokraten haben es geschafft - und eben das macht ihnen zu schaffen." (Süddeutsche Zeitung November 2003)
Allein in der afa Bayern findet man eine Fülle von Biografien, die Walters Analyse eindrucksvoll bestätigen. Als Organisation von Ehrenamtlichen steht die afa Bayern - wie viele andere (christliche) Arbeitnehmerbewegungen auch - damit vor einer dreifachen Herausforderung:
Der afa Bayern gelingt die Bewältigung dieser Aufgabe sicherlich noch nicht gut genug; verglichen mit befreundeten Organisationen stehen wir jedoch nicht am schlechtesten da. Uns ist sehr daran gelegen, diese Debatte innerhalb des BVEA zu intensivieren - ein erster Schritt dazu war die Beiratssitzung Anfang Oktober in Friedewald. Mit diesem kurzen Artikel wollen wir die Diskussion fortsetzen, in der Hoffnung, dass sich andere daran beteiligen. Die Mitgliedsorganisationen des BVEA müssen sich gegenseitig unterstützen und sollten einander positive Erfahrungen mitteilen, damit alle davon profitieren können.
| Mitgliedschaft ist eher hinderlich |
In sechs Thesen sollen deshalb Ausgangsbedingungen und erste Aktivitäten der afa Bayern zur Bewältigung des beschriebenen Strukturwandels skizziert werden; dies wird ergänzt durch eine Kurzbiografie eines jüngeren Landesvorstandsmitglieds (siehe Kasten):
- Niedrigschwelliger Zugang: ein großer struktureller Vorteil der afa Bayern besteht im Fehlen einer rechtlich geregelten Form der Zugehörigkeit, also etwa einer Mitgliedschaft. Durch die Kooperationsvereinbarung mit dem KDA ist die afa kirchlich angebunden, ohne dass Interessierte oder jüngere Ehrenamtliche sich sofort durch eine Mitgliedschaft langfristig binden müssen - deshalb muss die afa nicht, wie manche politische Parteien, das Angebot einer Schnuppermitgliedschaft entwickeln.
- Leuchttürme: Neue Interessenten werden oft über persönliche Kontakte gefunden - der menschliche Faktor spielt eine entscheidende Rolle bei der Entscheidung des/der Einzelnen, sich zu engagieren. Deshalb ist es wichtig, in der Region mit Personen vertreten zu sein, die man/frau kennt. Solche Menschen sind Leuchttürme - sie werden von Vielen gekannt bzw. wahrgenommen und verfügen so über große Netzwerke. Für die afa Bayern können das z.B. Sozialsekretär/innen, Pfarrer/innen oder Ehrenamtliche mit vielen verschiedenen Ämtern sein.
- Hoher Frauenanteil: Es zeigt sich (u.a. aufgrund der Analysen von Franz Walter), dass auch in politischen Gruppierungen der Anteil von ehrenamtlichen Frauen wächst. Ihnen sind aufgrund geschlechtsspezifischer struktureller Benachteiligungen die Energien und Ambitionen eigen, die Walter heute etwa in der SPD so vermisst. Bei der afa sind deshalb viele der jüngeren Ehrenamtlichen entweder Frauen oder Paare.
- Erfolg in Mittelstädten: Bei der afa Bayern zeigt sich, dass es sehr schwierig ist, in Großstädten wie München oder Nürnberg mit ihrem großen Angebot (z.B. in der Erwachsenenbildung) und ihren ausdifferenzierten Milieus neue Ehrenamtliche zu gewinnen. Gleiches gilt aus anderen Gründen für das flache Land". Erfolg versprechend sind jedoch Neugründungsversuche der afa in Mittelstädten von 50. - 100.000 Einwohner/innen, wo einerseits genug Menschen in ähnlichen Lebenslagen zu finden sind und andererseits das bereits vorhandene Angebot noch ergänzungsbedürftig ist.
- Parallelstrukturen aufbauen: An vielen Orten, wo seit zwei oder mehr Jahrzehnten eine eingeschworene afa-Gruppe existiert, ist es nicht möglich, für diese Kreise jüngere Ehrenamtliche zu finden - so offen sich solche Kreise auch geben, für Außenstehende ist es in der Regel schwer, ihren eigenen Platz zu finden, da alle Rollen schon besetzt sind. Deshalb sind wir in Bayern dazu übergegangen, an bestimmten Orten mit dem Neuaufbau der afa parallel zu den vorhandenen Kreisen zu beginnen.
- Permanente und punktuelle Aufgabe: Die Gewinnung neuer Ehrenamtlicher, der Aufbau neuer Gruppen ist einerseits eine permanente Aufgabe jeder Organisation. Andererseits versucht die afa in Bayern, durch punktuelle Angebote, wie z.B. einer spezifisch auf die Bedürfnisse jüngerer" Ehrenamtlicher zugeschnittenen landesweiten Fortbildung diesen Prozess zu intensivieren.
afa-Geschäftsführung