Zum Geleit
Trotzalledem: Hoffnung und Zuversicht
Kirche muss ihr Wächteramt in
besonderer Weise wahrnehmen
Ein politisch unruhiger Herbst nähert sich seinem Ende, ohne dass man sagen
könnte: Eine neue Jahreszeit bringt Ruhe und Klärung für ein neues Beginnen.
Dafür - und das ist jetzt allen klar und deutlich geworden - hat diese Gesellschaft
mehr als zwei Jahrzehnte über ihre Verhältnisse gelebt. Die Konsequenzen sind
bitter, aber die Folgen müssen alle tragen.
Schwache
werden Opfer dieses Umbaus des öffentlichen Systems |
Alle Generationen dieser Gesellschaft werden ihren Teil zur Lösung der
öffentlichen Armut beitragen müssen. Dies ist bitter. Die Auswirkungen treffen
mal diese und mal jene härter. Da gibt es wenig Hoffnung, sich zu darauf zu
vertrösten, es werde schon nicht so schlimm kommen.
Die im letzten halben Jahr des Jahres 2003 abgelaufenen politischen Prozesse
lassen allerdings eines erkennen, dass Politik und Öffentlichkeit, Kirchen
und Verbände einen Wandel durchgemacht haben. Ob es die Fakten waren, oder
die mahnenden Worte der Kirchen, sei dahingestellt. Deutlich ist, dass die
Verantwortung für die jüngeren und nachkommenden Generationen verlangt, nicht
weiter auf Pump zu leben und unser Glück auf Kosten der Späteren zu genießen.
Das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite der Medaille
betrifft unsere Verantwortung als Christen für die Armen, Schwachen und Behinderten.
Sie dürfen nicht das Opfer dieses Umbaus des öffentlichen Systems zum Abbau
der Unterstützung werden. Sprach man vor einem Jahrzehnt von der Zwei-Drittel-Gesellschaft,
neben der ein Drittel in Armut oder auf dem Wege dahin lebte, so gebietet
die Ehrlichkeit zu sagen, dass auch heute noch ein Drittel den besonderen
Schutz der Solidargemeinschaft braucht. Die neuesten Zahlen sprechen von 10
Prozent Arbeitslosigkeit - dies ist jedoch nur eine Gruppe der insgesamt Betroffenen.
Wir im BVEA sind dringend aufgerufen, solche zu schützenden Gruppen zu
benennen und dafür Sorge zu tragen, dass sie nicht übersehen werden. Wir werden
uns für sie in den kommenden Jahren, wenn die eigentlichen Reformen für Renten,
für Steuern, für das Gesundheitswesen und für die Lebensvorsorge getroffen
werden, einsetzen.
Es ist eine ganz wichtige Aufgabe, dass wir uns in der Kirche und gegenüber
der Politik einsetzen, damit eine Ausgewogenheit zwischen der Eigenverantwortung
und dem Schutz durch die Solidargemeinschaft erneut hergestellt wird. Es ist
zu befürchten, dass die Kirche in diesen Jahren ihr Wächteramt in besonderer
Weise wahrzunehmen aufgerufen ist.
Es macht Hoffnung, dass mit Bischof Huber eine Persönlichkeit zum Präses
der EKD gewählt wurde, der für Gradlinigkeit und Klarheit der Worte bekannt
ist. Die sozialen Anliegen unserer schwierigen Zeit sind ihm nicht verschlossen
- auch wenn es noch schlimmer zu werden droht. Mit unseren Glückwünschen zu
seiner Wahl verbinden wir die Hoffnung auf eine segensreiche Tätigkeit für
unser Land. Wir haben den Wunsch nach guter Zusammenarbeit zwischen ihm und
den Ehrenamtlichen des BVEA im Geiste der christlichen Geschwisterlichkeit.
Die großen Reformen, die anstehen, und die ökonomischen Umbrüche, die wir
erleben, haben ein Ausmaß erreicht, das alles Erfahrene der letzten Jahrzehnte
übersteigt. Infolgedessen gibt es bei der Lösung dieser Probleme kein einfaches
parteipolitisches Pro und Contra. Alle Kräfte in den demokratischen Parteien
sind gefordert, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen - sei es mehr im Verständnis
gewerkschaftlicher Solidarität, wie bei der SPD, oder mehr im Verständnis
christlicher Fürsorge, wie bei der CDU oder der CSU. Oder aus einem humanistischen
Verständnis sozialer Gerechtigkeit.
Parteien
sind gefordert, soziale Verantwortung zu übernehmen |
Als Vorsitzende des BVEA nehme ich neben den kirchlichen auch mit diesen
Repräsentanten der Politik Kontakt auf, um für das Verständnis sozialer Probleme
zu werben bzw. um die Unterstützung für das Anliegen solidarischer Verantwortung
für die Arbeitnehmerfragen und für die Schwachen in der Gesellschaft anzusprechen.
Ich bin überzeugt, dass alle Mitglieder des BVEA, gleich ob sie sich mehr
dieser oder jener Partei nahe fühlen, diese Anstrengungen unterstützen.
Wir gehen als Christen dennoch mit Hoffnung und Zuversicht in die Tage
der Besinnung. Nur: Vertrauen dafür haben, dass es schon gerichtet werde,
kann nicht der einzige Begleiter sein. Wir werden alle an diesen Problemen
hart arbeiten und sehr aufmerksam sein müssen; und wir werden die Gestaltung
unserer Zukunft mit allen Kräften begleiten, damit es gut werde.
Ich wünsche allen ein friedfertiges Weihnachtsfest sowie ein gesundes und
gutes Neues Jahr!
Brunhild Bald, Bundesvorsitzende des BVEA
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