Politik
Diesmal keine
Fensterreden!
Die Entscheidung für die nächsten
Jahre fällt im Vermittlungsausschuss des Bundestages
Vom 13. November bis 10. Dezember wird im Vermittlungsausschuss des Bundestages
hart gestritten. Die 32 Mitglieder bleiben unter sich, Mitarbeiter und Dritte
haben keinen Zutritt.
Werden die Deutschen Weihnachten wissen, was die Stunde geschlagen hat? Die
deutschen Wirklichkeiten lassen sich nämlich nicht mehr länger verdränge, auch
wenn sie schon viele Jahre in dem Wort "Strukturkrise" verpackt wurden.
Mit 60 schon zum alten Eisen: Arbeitsmarktbedingungen verhalten
sich konträr zu den Finanzierungsvorschlägen der Sozialsysteme |
Der Ernst der Lage ist erkannt, das Gelände längst ausgemessen. Deshalb tagt
der Vermittlungsausschuss erstmals hinter verschlossenen Türen mit einer Tagesordnung,
wie sie ehrgeiziger nicht sein kann. Darunter sind die Hartz-Gesetze zur Ankurbelung
und Ordnung des Arbeitsmarktes. Ein relativ leichter Brocken. Mehr Tonnen auf
die Waage bringt die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Dann
die Gemeindefinanzreform, die Kommunen sind finanziell ausgetrocknet. Polizei
und die Ordner der Überwachungsdienste sind gehalten, so viele Knöllchen wie
nur möglich in die Stadtkassen zu leiten. Und es soll auch noch die Steuerreform
vorgezogen werden. Schwergewichtige Fachleute halten nicht viel von ihr, aber
die rot-grüne Regierung in Berlin braucht jeden Strohhalm.
Der Ausschuss tagt, weil der Bundestag längst nicht alle Gesetze beschließen
kann, wir haben aus guten Gründen ein föderatives System in Deutschland. Vier
Wochen haben die Mitglieder nun Zeit, das von der Regierung geschnürte Paket
aufzumachen und jeweils den Kompromiss zu finden. Es sind 16 Abgeordnete des
Bundestages und die Vertreter der 16 Bundesländer.
Der Druck ist enorm. Journalisten werden sie wie blutgierige Füchse umkreisen,
die politischen Freunde wollen wissen, wie weit die Kompromisse gehen. Aus diesen
vier Wochen könnte die Bewährungsprobe unserer parlamentarischen Demokratie
werden, die deutsche Bewährungsprobe dieses jungen Jahrhunderts.
Ein taktisches Ziel wollen alle erreichen, einzelne oder die ganze Gruppe
der Gegenseite zu zermürben. Sie sollen nicht aufgeben, sie sollen nachgeben.
Alle wollen aber auch ihr Gesicht wahren. Einige haben glänzende Wahlsiege hinter
sich, andere schwere Wahlschlachten noch vor sich.
Eine Diskussion mit 6 Jahren Schweigepflicht |
Wie werden sie sich einbringen, die schwer gepanzerten Schlachtrösser wie
Roland Koch, Hessen, Peer Steinbrück, Nordrhein-Westfalen, oder der "Bayernkönig"
Edmund Stoiber neben dem SPD-Linken Ludwig Stiegler? Die Neuen werden es etwas
schwerer haben, Dieter Halthaus, Thüringen, Wolfgang Böhmer, Sachsen-Anhalt
oder der Sachse Milbradt.
Das Ding "Strukturkrise" wird auch nach dem 10. Dezember kräftig atmen, aber
vielleicht ist es beherrschbarer geworden. Vielleicht kann das Ergebnis das
rapide geschwundene Vertrauen in die Politik wieder zurückholen. Sollte es bis
zum Mittwoch, den 10. Dezember 2003 noch nicht soweit sein, gibt es noch eine
Galgenfrist bis zum 19., dann ist die letzte Sitzung des Bundesrates in diesem
Jahr.
Alle Teilnehmer des Ausschusses sind für 6 Jahre zum Schweigen verpflichtet,
so dass über die Diskussionsart und die beteiligten Protagonisten nichts nach
außen dringen dürfte.
Weihnachten wollen wir uns freuen können, nicht nur über die Geburt Jesu
Christi.
Erwin Ortmann, Köln
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