Die fetten Jahre sind vorbei
Kommentar von Dr. Gerhard Kühlewind, Leitender Wissenschaftlicher Direktor
am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit
(IAB)
"Sozialstaat 2003 - Umbau oder Abriss?" Dieses Thema ist ja wirklich
brandaktuell und wird nicht nur in den politischen Parteien, in der Wirtschaft,
in den Gewerkschaften, in den Medien, am Stammtisch und in den Familien heiß
diskutiert, sondern auch in der Kirche - heute sogar im wahrsten Sinne des
Wortes.
So wurde z.B. die Agenda 2010 des Bundeskanzlers von der Spitze der evangelischen
Kirche deutlich unterstützt. Deren Ratsvorsitzender Manfred Kock sagte in
einem Interview: "Ich fordere ausdrücklich zu Reformen auf." Und: "Man kann
nicht bei jeder Maßnahme, die angekündigt wird, ein großes Geschrei erheben.
Es geht nicht, dass alle sagen, wir müssten uns einschränken, aber es dann,
wenn der eigene Geldbeutel oder weil die eigene Klientel betroffen ist, Protest
gibt." In Hannover bei der EKD hagelte es darauf hin geharnischte Briefe gegen
Kock. "Sozialabbau" drückt noch gelinde, "Zerschlagung des Sozialstaates"
schon deutlicher aus, was man befürchtet. Kocks Initiative habe eine verheerende
Wirkung in der Öffentlichkeit, die Kirche gerate bei den Arbeitnehmern und
den Arbeitslosen in Misskredit. Es sei ein großer Irrtum, wenn man glaubt,
dass automatisch mit dem Billigwerden von Arbeit Arbeitsplätze entstünden.
| Wer hat nun recht? Sichern oder zerstören die
geplanten Reformen den Sozialstaat? |
Eines ist richtig: Wer behauptet, der Umbau des Sozialstaates senke rasch
und automatisch die Massenarbeitslosigkeit, führt die Öffentlichkeit in die
Irre. Bestenfalls gilt dies längerfristig. Der Sozialstaat muss meiner Meinung
nach aus einem ganz anderen Grund unverzüglich und nachhaltig umgebaut werden:
Er ist, wie er in den "fetten" Jahren perfektioniert worden war, einfach nicht
mehr finanzierbar!
In aller gebotenen Kürze nenne ich dafür vier Gründe:
1. Bislang ist es nicht gelungen, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert
zunehmenden Massenarbeitslosigkeit Einhalt zu gebieten. Das Hauptproblem:
Auf dem regulären Arbeitsmarkt fehlen heute 6 _ 7 Millionen Arbeitsplätze.
Damit fehlen die Beitragszahler einerseits und die Zahl der Leistungsempfänger,
die es zu bezahlen gilt, hat ein unerträglich hohes Niveau erreicht. Die gesamtfiskalischen
Kosten der Arbeitslosigkeit (also Einnahmeausfälle + Ausgaben des Staates)
liegen bei rund 80 Mrd. Euro pro Jahr! Übrigens hat unser Institut schon 1989
eine internationale Fachtagung zum Thema "Erwerbstätigkeit und Generationenvertrag"
organisiert und damals schon als zentrale Botschaft herausgestellt, das die
Wiedererlangung des Ziels Vollbeschäftigung geradezu Voraussetzung für eine
dauerhafte Gesundung unseres Sozialsystems ist.
2. Mit der Finanzierung der deutschen Einheit wurde der Sozialstaat eindeutig
überfordert. Seit dem Mauerfall haben sich die Transferzahlungen von West
nach Ost auf mehr als eine Billion Euro (brutto) aufsummiert. Dieses Volumen
ist ohne Beispiel in der Europäischen Geschichte.
Aus heutiger Sicht war es wahrscheinlich einer der größten wirtschaftspolitischen
Fehler, diesen Prozess im Wesentlichen nicht über Steuern zu finanzieren,
sondern über die "stillen" und verdeckten Transfersysteme, also vor allem
über die Sozialkassen Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung und Krankenversicherung.
3. Mit dem Fall der Grenzen in Osteuropa und dem Vordringen der neuen Informationstechnologien
hat sich der Weltmarkt und die Wettbewerbssituation der deutschen Wirtschaft
dramatisch verändert. In einer globalisierten Welt entstehen Arbeitsplätze
dort, wo die Bedingungen am besten oder, bei vergleichbaren Bedingungen, die
Kosten am niedrigsten sind. Nationen konkurrieren um Investitionen und damit
um Jobs. Infineon ist nur ein weiteres aktuelles Beispiel dafür, dass immer
mehr deutsche Firmen ihren Sitz ins Ausland verlagern. Selbst ursprünglich
sozialstaatliche Vorzeigeländer, wie z. B. Schweden, haben ihre Lehren inzwischen
daraus gezogen, nur nicht wir.
4. Der Alterungsprozess unserer Bevölkerung untergräbt die Fundamente des
Sozialstaats: Die Kosten für Rente und Gesundheit lassen sich nicht mehr wie
bisher finanzieren. Während heute etwa zwei Beitragszahler einen Rentner finanzieren,
wird es im Jahr 2030 nur noch ein Beitragszahler sein.
Aus diesen vier Gründen sollte eigentlich deutlich geworden sein, dass
uns gar nichts anderes übrig bleibt als den Sozialstaat umzubauen bevor das
Gebäude so baufällig wird, dass es tatsächlich abgerissen werden muss. Oder,
lassen Sie mich noch ein anderes Bild verwenden. Der Wildwuchs und manche
zu üppigen Äste, die der Baum "Sozialstaat" in einem halben Jahrhundert hervorgetrieben
hat, müssen ausgelichtet bzw. zurückgeschnitten werden, um den Baum zu retten
und lebensfähig zu erhalten: Dass man dabei um die Auswahl und das Ausmaß
der Maßnahmen trefflich streiten kann, liegt auf der Hand. Aber geschehen
muss etwas! Das müssen wir alle endlich begreifen.
Dr. Gerhard Kühlewind
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