Nein, besonders aufregend klingt er nicht, der Monatsspruch
vom August, und von allerhöchster Aktualität scheint er auch nicht gerade
zu sein. Allzu vertraut klingt er uns, - besonders den etwas frömmeren Partien
unseres Gehörgangs. Vielen von uns fällt bei diesen Worten sogleich der bekannte
und sicher auch von uns schon bei vielen Gelegenheiten angestimmte Kanon ein,
dessen auf- und absteigende Melodie den im Text geschilderten Lauf der Sonne
so bildhaft begleitet. - Aber könnte nicht auch ein Vers ohne ins Augen fallende
Aktualität wichtig sein für uns, weil er uns wie ein Blick in den Spiegel
etwas über uns selbst deutlich machen kann?
Ist es noch modern, jemanden oder irgendetwas zu loben? Gewiss, zu pädagogischen
Zwecken wird gelegentlich von Eltern, Lehrern, Großeltern oder auch einmal
von einem altmodischen Chef auf dieses bewährte Mittel zurückgegriffen. Doch
selbst bei dem oder der Belobigten kommt eine anerkennende Ergänzung des Taschengeldes
bzw. eine Gehaltserhöhung besser an als ein paar belobigende Worte, von denen
man sich letztlich nichts kaufen kann. Preisen oder anpreisen, - das ja! Das
hat ja auch etwas mit Preisen, also mit etwas Zähl- und Zahlbarem zu tun.
Aber jemanden loben, das ist doch megaout! Sowohl anderen Menschen als wohl
auch Gott gegenüber.
Ist bei uns heute vielleicht etwas anderes an die Stelle dessen getreten,
was Bibel und Gesangbuch mit dem Wort Loben, mit dem Lob Gottes, ausgedrückt
haben? Ich denke: ja! Und zwar einerseits, wie eben schon angedeutet, in der
Gestalt marktschreierischen Anpreisens einer Ware, eines Angebots, eines Kandidaten
oder einer Kandidatin für irgendein erstrebenswertes Amt. Der Markt der Wirtschaft
und der Politik ist voll von solcherlei Anpreisungen, die uns stets ein besonders
günstiges Angebot verheißen und es geradezu zu einer Dummheit und Sünde erklären,
diese einmalige Gelegenheit zu verpassen. Dabei wird nicht nur in grellen
Farben ausgemalt, mit lauter Stimme geschrieen und keine denkbare Provokation
ausgelassen, sondern auch gelogen, dass sich die Balken biegen. In dieser
Gestalt ist uns das Loben durchaus noch geläufig: in der des Eigenlobs. Das
aber stinkt bekanntlich.
Die andere und wesentlich sympathischere Gestalt, die das Loben bei uns
angenommen hat, ist die des Dankens. Wo auf gute Formen noch einigermaßen
Wert gelegt wird, ist eine der ersten Übungen, die Kinder zu lernen haben,
die, zur richtigen Gelegenheit bitte und danke zu sagen. Auch wenn erbrachte
Leistungen und erworbene Verdienste heutzutage oft schnell vergessen sind
und nicht mehr zählen, wird doch noch bei zahlreichen Gelegenheiten Dank abgestattet:
dem bewährten Staatsdiener, der engagierten Ehrenamtlichen, dem treuen Publikum,
den Fans eines Fußballvereins ... Auch der Hang der Menschen, sich insbesondere
den Personen
| Beim Anpreisen der Ware wird häufig gelogen, dass sich die Balken biegen |
gegenüber gelegentlich dankbar zu zeigen, die täglich für sie da sind und
sich abrackern, wird durchaus marktgängig genutzt: der Sankt - Valentinstag,
der Muttertag, Geburts- und Namenstage, neuerdings sogar der zum Vatertag
umfunktionierte Himmelfahrtstag und das Importprodukt Halloween, und natürlich
erst recht die altbewährten "Familienfeste" Weihnachten und Ostern, - sie
alle sind dankbar begrüßte und allerseits geförderte Gelegenheiten, das menschliche
Bedürfnis nach Dankbarkeit und Liebe konsum- und verkaufsstimulierend anzusprechen
und auszubeuten.
Und was zwischen uns Menschen gilt, hat wohl auch in unserem Verhältnis
zu Gott Einzug gehalten. Den ehrwürdigen Chorals "Lobe den Herren, den mächtigen
König der Ehren" hat als Lieblingslied bei vielen von uns das so viel leichter
daherkommende Danke - Lied abgelöst: "Danke für diesen guten Morgen, danke
für jeden neuen Tag ..." Dagegen ist ja wohl auch kaum etwas einzuwenden.
Aber vielleicht ist es doch interessant, sich einmal klar zu machen, was
mit diesem Begriffswechsel eigentlich geschehen ist und was hinter ihm steckt.
Denn so nahe für unsere Ohren _ Loben und Danken beieinander stehen, so hat
sich hier doch eine deutliche Änderung des Blickwinkels vollzogen.
Beim Lob gilt alle Aufmerksamkeit dem, der da gelobt wird. Er allein ist
das Subjekt, während der Lobende ganz von sich selbst absieht und zu nichts
anderem wird als der klingenden Saite oder dem vibrierenden Trommelfell eines
Instruments, auf dem das Loblied ertönt. Diese Konstellation kommt ja auch
in unserem Psalmvers ganz deutlich dadurch zum Ausdruck, dass hier als Subjekt
des Satzes einzig der Name Gottes genannt wird, dem das Lob gilt. Wessen Lob
eigentlich? Nun, das der ganzen Welt, aller Wesen auf Erden und darum natürlich
auch das unsere, und das vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang, das
heißt den lieben langen Tag hindurch. - Nebenbei, das waren noch Zeiten, als
es selbst für das Lob Gottes, geschweige denn für das Tagewerk des Arbeitsalltags
nur um die Zeit vom ersten bis zum letzten Hahnenschrei ging und die Nacht
ganz dem Schlaf dienen durfte. Die Herren (und Götter) von heute sind in dieser
Hinsicht weniger bescheiden. Sie wollen uns auch nachts und an allen Sonn-
und Feiertagen für ihre Interessen zur Verfügung haben!
Beim Danken dagegen ist immer klar, wer das Subjekt des Vorgangs ist, nämlich
der Dankende. Er steht im Mittelpunkt der Szene, wenn er sich an den zu Bedankenden
wendet und zu ihm sagt: "Ich danke dir." Ohne "ich" zu sagen, lässt sich ein
Dank nicht überzeugend vorbringen. An die Stelle des umfassenden Universums,
das erfüllt ist vom Lob seines Schöpfers, ist also das Ich getreten, das aus
seiner ganzen übrigen Umgebung heraustritt und das Dankeswort einzig und allein
zu einer Sache zwischen sich und dem zu Bedankenden macht. Zu danken ist immer
eine persönliche, eine individuelle und eine aktive Angelegenheit, kein Ein-
und Mitklingen im Konzert eines großen Ganzen.
Lob und Dank haben ihre Ursache in gemachten Erfahrungen. Doch diese Erfahrungen
haben unterschiedlichen Charakter. Im Loben geht es um den Ausdruck der überwältigenden
Freude darüber, dass "alles so gut geordnet", dass die Erde so schön und das
Leben so lebenswert ist.
| Die Individualisierung ist unser Schicksal und zugleich individuelle
Freiheit |
Im Dank dagegen geht es um ganz persönliche Erfahrungen: um ein besonderes
Geschenk, eine erfahrene Rettung, ein glückliches Erlebnis, um etwas, das
als großes persönliches Geschenk empfunden wird. Und diese gute Erfahrung
wird, auch wenn der Dank vielleicht öffentlich ausgesprochen wird, zum Gegenstand
der ganz persönlichen Beziehung zwischen dem Dankbaren und dem Bedankten.
Aus dem Beschenkten ist das Subjekt des Dankes geworden.
Hinter die Individualisierung, die zu den Kennzeichen aller modernen Gesellschaften
gehört, hinter die Herauslösung des Individuums aus dem Gesamtzusammenhang
der ganzen Menschheit und der gesamten Schöpfung können wir nicht mehr zurück.
Sie ist unser Schicksal und zugleich der Raum unserer individuellen Freiheit.
Mit ihr hat auch die persönliche Erfahrung ihren großen Stellenwert gewonnen.
Möge uns damit aber der Drang, auch einmal wieder für "das Ganze" dankbar
zu sein und uns in einem umfassenden Sinn des Lebens zu freuen, nicht gänzlich
verloren gehen. Und das um so weniger, je deutlicher uns wird, wofür wir unseren
Gott zu loben hätten.
Der Psalm sagt es mit klaren Worten: Gott, der über alle Völker und Mächte
auf Erden himmelhoch erhaben ist, schaut doch gerade deshalb hernieder zu
uns auf Erden, und was seine Blicke suchen, ist gerade nicht das Herrliche
und Große, das so ist wie er selbst, sondern das Kleine und Schwache. Das
will er aus dem Dreck heraufholen und ihm einen Ehrenplatz anweisen. Und die
kinderlose und deshalb von allen als nutzlos verachtete Frau wird er zur Mutter
machen und ihr die Lebensfreude wieder schenken.
Dr. Walter Sohn
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