Liebe Kolleginnen und Kollegen,
es gibt keinen vernünftigen Grund, das bestehende Ladenschlussgesetz zu ändern.
Aber es erhebt sich sofort die Frage: Wem nützt die Veränderung und gegen
wen richtet es sich? Die Änderung des Gesetzes nützt im Wesentlichen den Großen
im Handel, den Supermarktketten und den Warenhäusern. Dem kleinen Einzelhandel
nutzt eine Veränderung nichts - im Gegenteil.
Wir haben in Deutschland zur Zeit über 4,7 Mio. Arbeitslose, etwa knapp 3
Mio. Sozialhilfeempfänger, und noch einmal etwa 3 Mio. Menschen leben im prekären
Wohlstand, d.h. etwa 11 Mio. Menschen verfügen über eine ganz geringe Kaufkraft.
Diese Menschen brauchen mit Sicherheit keine Änderung des Ladenschlussgesetzes.
Die derzeitige Politik - ich meine Regierung und Opposition - sollten sich ernsthaft
Gedanken machen, wie man Menschen wieder dazu verhilft, ihren Lebensunterhalt
wieder aus eigener Kraft zu verdienen, als darüber, wie man ihnen noch besser
das wenige Geld aus der Tasche zieht. Soweit zur sozialen Lage in Deutschland.
| Handel ist für den Menschen da und nicht umgekehrt |
Die Vorstellung, die Menschen kaufen um so mehr, je mehr Gelegenheit ihnen
dazu gegeben wird, ist die blödeste Argumentation, die man hört (aber so wird
Politik gemacht): Wir - die kath. Betriebsseelsorge, der Kirchliche Dienst in
der Arbeitswelt, die Kath. Arbeitnehmer- Bewegung, der Bundesverband Evangelischer
Arbeitnehmerorganisationen widersprechen entschieden einem Menschenbild, das
den Menschen auf seine Geldbörse reduziert und seine sozialen und gesellschaftlichen
Bezüge ausblendet. Wer den Menschen fast ausschließlich in der Rolle des Konsumenten
sieht und nicht gleichzeitig für erträgliche Lebensbedingungen sorgt, verletzt
die Würde des Menschen.
Richtig ist doch, dass längere Öffnungszeiten auch mit mehr Kosten für den
Einzelhandel verbunden sind, was wiederum dann zu höheren Preisen führt.
| Wir widersprechen einem Menschenbild, das sich
auf das Portemonaie reduziert |
Mehr Geld haben die Verbraucher aber nicht in der Tasche, also werden sie
auch nicht mehr einkaufen. Wer in dieser Situation die Ladenzeiten ausdehnt,
serviert eine ökonomische Mogelpackung und lenkt von vielen anderen Problemen
ab. In Kauf genommen wird eine weitere Verschärfung der Belastungen für die
im Einzelhandel Beschäftigten. Womit haben sie das verdient?
Wir halten demgegenüber fest: Die Wirtschaft und auch der Handel sind für
den Menschen da und nicht umgekehrt. Die Wirtschaft darf nicht zur Ausbeutung
von Menschen verkommen, sondern muss der Lebensgestaltung von Menschen dienen.
In meiner Bibel lese ich von der Menschenfreundlichkeit Gottes (Titus 3,4),
der sich vor allem denen zuwendet, die bisher immer das Nachsehen gehabt haben.
Also: Die Menschenfreundlichkeit Gottes gilt den Ausgebeuteten und nicht
den Ausbeutern. Das ist der Grundtenor meiner Bibel. Und meine Bibel kennt auch
Korrekturmöglichkeiten ungerechter Strukturen. Meine Bibel kennt die heilsame
Unterbrechung von Arbeit und Ruhe, meine Bibel kennt das Recht auf den Feierabend
und zwar für jeden Tag. Und meine Bibel kennt den Sabbat, den freien Tag, der
den Menschen gehört (allen) und Gott.
Die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten besonders am Samstag verdirbt den
Sonntag, weil die (es sind ja besonders die Frauen, die davon betroffen sind)
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer kaum noch Kraft haben, den Sonntag zu gestalten.
Wir brauchen, um Mensch bleiben zu können, eine Rhythmisierung der Zeit,
eine Kultur für die Zeit der Arbeit und eine für die Ruhe. Wir benötigen Zeit
der Freude und der Trauer, Zeit des Körpers und der Seele, Zeit der Gemeinschaft
und des Alleinseins, Zeit des Redens und der Stille, Zeit des Tages und der
Nacht.
Also wir fordern- immer und immer wieder - eine gesellschaftlich vereinbarte
und für alle geltende Rhythmik der Zeit:
Es kann und darf nicht angehen, dass 2,5 Mio. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
zu modernen Sklaven wirtschaftlicher Interessen einiger weniger werden.
Hier wird der Grundkonsens in unserer Gesellschaft für gleiche Lebensbedingungen
zu sorgen, aufgegeben - oder hat es den noch nie gegeben?
Wie dem auch sei:
Die Wirtschaft, der Handel, der Service, die vernetzten Techniken sind keine
göttlichen Zwänge, die uns beherrschen dürfen. Es sind menschliche Installationen
zu menschlichen Zwecken.
Wenn die Wirtschaft die Freizeit so individualisiert, dass die Gesellschaft
insgesamt nie mehr zur Ruhe kommt, dann entfällt für jeden einzelnen Menschen
jene sichtbare, hörbare, psychisch und sozial erfahrbare Unterbrechung , die
aber zu einem menschenwürdigen Leben unabdingbar dazu gehört.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere gemeinsame Aufgabe ist das Wohl und
Heil des Menschen.
Wo wir ein kulturelles Vakuum zulassen, könnten jene Kräfte siegen, die den
Menschen nur für sich verbrauchen wollen.
Wenn wir in Kirche und Gewerkschaft das Kulturgut Feierabend und Sonntag
erhalten wollen, dann müssen wir uns gemeinsam gegen die zur Wehr setzen, die
dies zerstören wollen.
Und wir müssen es laut und unüberhörbar tun, heute, morgen , solange bis
wir endlich erhört werden.
Dies ist ein Protest für das Leben!!
Karl-Heinz Lüpke,
Arbeitskreis Soziologie und Theologie (AST) |