Beim traditionellen Neujahrstreffen
der Christlich-Sozialen Union (CSU) in Wildbad Kreuth hatte Peter Gauweiler
(53) für Viele überraschende Töne angeschlagen. Für die Evangelischen Zeitungen
hat der evangelische Bundestagsabgeordnete seine Haltung noch einmal schriftlich
festgehalten:
Die Eindämmung beziehungsweise
Entwaffnung angriffslüsterner Diktatoren wäre in unser aller Interesse. Israel
war im Recht, als es 1981 den irakischen Atomreaktor "Osiris" angriff und
zerstörte. Die USA, die damals noch Saddam unterstützten, verurteilten seinerzeit
den israelischen Angriff als "beispiellos", obwohl dieser Reaktor drei bis
vier Plutoniumbomben für Saddam jährlich hätte produzieren können. Diese Atomanlage
war den Irakern sechs Jahre zuvor von Frankreich verkauft worden: gegen die
Lieferung von jährlich 10 000 Tonnen Rohöl und einen Waffenkauf von 1,6 Milliarden
Dollar. Den Vertrag hatte 1975 der damalige französische Ministerpräsident
Jacques Chirac - heute Frankreichs Staatschef - mit dem damaligen Vize-Präsidenten
des Irak geschlossen. Dieser Vize-Präsident hieß Saddam Hussein.
Es ist der Fluch der bösen
Tat, dass fortlaufend Böses sie gebiert. |
Die Irak-Debatte verstellt
den Blick auf eine ganz andere Gefahr: Soeben hat der nordkoreanische Diktator
Kim Jong II seine Nuklearanlage in Yongbyon reaktiviert und wird vermutlich
bis zum Sommer - so eine Analyse der Neuen Zürcher Zeitung - sein Arsenal
an Atomwaffen verdreifachen. Für viel Geld, versteht sich. Gleichzeitig fordert
der Diktator von den USA kategorisch neue Lebensmittellieferungen für sein
hungerndes Volk und erhält diese auch.
Dass Washington jetzt auch
noch dem nordkoreanischen Versuch, Scud - Raketen mit gefälschten Papieren
in den Jemen zu schmuggeln, zum Erfolg verhalf, nimmt der Eindämmungsstrategie
des Westens jede Glaubwürdigkeit. Ein spanisches NATO-Kommando hatte das,
die Raketen transportierende Frachtschiff im Golf von Aden aufgebracht, die
tödliche Fracht beschlagnahmt und den USA übergeben. Diese händigten sie mit
einer fadenscheinigen "völkerrechtlichen" Begründung (Neue Zürcher Zeitung)
der jemenitischen Regierung aus.
Im Vergleich zu Saddam gilt
Kim als wesentlich gefährlicher, weil er mit seinen Atomwaffen zu Gegenschlägen
in der Lage ist und mit etwa einer Million Soldaten eine der größten Armeen
der Erde unter Waffen hat; während die Truppen Saddams, so der Nahostexperte
Peter Scholl-Latour, demoralisiert sind. Darüber hinaus haben sich im Norden
des Irak bereits selbstständige kurdische Staatswesen gebildet, wo Saddam
keinerlei Macht mehr hat, und über der Mitte des Irak liegt die von England
und Amerika bereits kontrollierte Flugverbotszone. |
Aber: Saddam sitzt auf dem
irakischen Öl, das alle wollen.
Der Papst hat sich zur Jahreswende
ausdrücklich gegen diesen Krieg ausgesprochen. Ebenso der Ratsvorsitzende
unserer Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Manfred Kock. Übrigens
auch die anglikanische Kirche, vertreten durch den neuen Erzbischof von Canterbury.
Diese unsere Haltung ist nicht anti-amerikanisch. Im Gegenteil: Auch in Washington
findet derzeit eine ernste Diskussion über die zukünftige Richtungsbestimmung
der Politik der Vereinigten Staaten statt. Uns Deutschen muss es möglich sein,
sich den Amerikanern anders zu nähern als kniend oder mit Hass-Gesängen. Adenauer
und Strauß und Kohl haben das gekonnt, sie haben selbst den mächtigsten Amis
immer wieder ins Gewissen geredet und wurden von diesen gleichwohl hoch geschätzt.
Natürlich sollte sich das
wiedervereinigte Deutschland um ein abgestimmtes Vorgehen mit seinen Verbündeten
untereinander bemühen. Aber in diese Abstimmung kann Deutschland nicht meinungslos
gehen. Tatsache ist, dass die Inspekteure der UN bisher keine Beweise für
einen massiven Verstoß des Iraks gegen die Vorgaben des Weltsicherheitsrates
gefunden haben. Es ist abwegig anzunehmen, dass das, was bei der Suche am
Boden nicht gefunden wird, durch Bombardements aus 10.000 Meter Höhe zerstört
werden kann. Was zerstört und geopfert werden wird, sind die Dörfer und Städte
des Landes. Und eine Unzahl von Menschenleben.
Peter Gauweiler |