Doch, liebe Leserinnen
und Leser, die Lage war noch nie so ernst wie heute. Das sagte allerdings
schon Konrad Adenauer, als vor 50 Jahren unser heutiges Sozial- und Versicherungssystem
aufgebaut wurde. Und die Lage ist ernst, denn Wirtschaft und Gesellschaft
florieren nicht im Wiederaufbau des Landes und im boomenden Export; nein,
es gibt keine Steigerungsraten mehr, die jeweils die des letzten Jahres übertreffen;
nein, es gibt keine Vollbeschäftigung mehr; nein, die Bevölkerung wächst nicht
mehr - die Lage ist ernst.
Wirtschaft und Gesellschaft
haben sich verändert, sind im Umbruch, wir haben neue Strukturen.
Der Kursanstieg
der Aktien in den letzten Jahren hat uns zudem einen ökonomischen Aufschwung
vorgegaukelt, den es nicht gab. Die Notierungen hatten jegliche Bodenhaftung
verloren. Sie zeigten stattdessen den unbegrenzten Wahn der Spekulation, aber
auch des Betrugs und der Fälschung. Normen verloren jeden Wert. Der Absturz
wurde durch Absprachen nach dem 11. September noch einmal gebremst und stabilisiert;
zunächst fand nur ein Abschwung statt, der demnächst die Ökonomie auf das
normale Maß zurückführt. Und wir haben uns davon blenden lassen, dass dies
die solide Basis unseres Wohlstandes sein könnte.
Langsam kommen wir
in der Realität an. Die politisch Verantwortlichen _ die, die wir wählen werden
_ werden handeln müssen, werden entscheiden müssen, werden Reformen von Grund
auf durchsetzen müssen. Keine leichte Aufgabe!
Wir müssen uns darauf
einstellen, dass Veränderungen auf uns zukommen. Dieses fällt uns schwer,
denn seit Generationen sind wir nicht mehr daran gewöhnt.
Wir alle haben unseren
Anteil daran und haben die Vorzüge genossen.
Zugleich haben wir
wahrgenommen, dass das alte soziale System in die Brüche ging - oder nicht
mehr ausreichte - oder nicht mehr alle auffing- oder manche durch das alte
Netz fallen ließ.
Wir wissen das seit
mehr als 10 Jahren. Damals schon sprachen wir von der Ein-Drittel-Gesellschaft.
Ein Drittel der Gesellschaft nämlich war arm geworden und lebte von den verschiedenen
Töpfen der öffentlichen Hände. Wie auch immer es ging, irgendwie ging es.
Noch spürten wir nicht, oder wollten nicht wahrnehmen, dass es nicht mehr
zueinander passte. Armut im Wohlstand - was für ein Phänomen!
Und danach, uns
klingen die Worte nur so in den Ohren: Reform über Reform, nach der Reform
war vor der Reform, jedes Jahr eine Reform und noch eine Reform - des Gesundheitswesens,
der Arbeitslosenunterstützung, der Wohngelder, die Pflegeversicherung kam,
usw., usw.. Nur: Keine Reform war angelegt, von Grund auf eine neue Ordnung
herzustellen. Darunter leiden wir heute, d.h., wir brauchen, wie Bundeskanzler
Gerhard Schröder sagte, eine neue soziale Ordnung. Auch der "Kandidat" Stoiber
trifft dieselbe Aussage. Das lässt hoffen. Lässt das hoffen? |
Es lässt nicht hoffen,
wenn wir und die politisch Verantwortlichen nicht den Realitäten ins Auge
sehen. Nur ein Beispiel für die ganz vielen Faktoren, die unsere veränderten
Verhältnisse anzeigen:
München ist der
Sitz international bekanntester deutscher Unternehmen, wie Allianz, BMW, Infineon,
MAN, Münchner Rück, Siemens, Hypo-Vereinsbank _ das klingt wie ein Auszug
aus dem "Who-is-Who" der europäischen Wirtschaft. Da sind wir uns doch auch
einig, wenn wir an die Milliardengewinne denken. Nur, im Jahre 2002 werden
sie _ all diese erfolgreichen Unternehmen zusammen _ keinen einzigen Cent
an Gewerbesteuerzahlen. Das arme München, die armen Arbeitlosen, die armen
Kindergärten, die armen Schulen, usw., usw.. Hier kann man die öffentliche
Armut mit Händen greifen. Dass München so arm ist, wie 50 andere Städte in
Deutschland auch, wissen alle politisch Verantwortlichen und alle Experten
seit langem.
An diesem Beispiel
wird deutlich, wie allein durch die zwar steigenden, aber insgesamt relativ
abnehmenden Steuereinnahmen die öffentliche Hand arm wird, obwohl sie mehr
und mehr leisten müsste nach unserem alten sozialen Sicherheitssystem. Und
das passt vorne und hinten nicht mehr zusammen. Ausgaben und Leistungen sind
ungerecht verteilt, Sicherheit und Wohlstand ungewiss.
Liebe Leserinnen
und Leser, wenn ich im Blick auf die Wahlen von der Notwendigkeit von Reformen,
die den Namen verdienen, spreche, dann tue ich das in der Absicht, Sie alle
zur kritischen Prüfung aufzufordern. Ein wenig wollten wir, die Redaktion
der Rundschau, Ihnen eine Hilfe geben. Wir haben ein Themenheft zur zukünftigen
Arbeitsmarktpolitik zusammengestellt und dabei Parteien und Institutionen
um ihre Konzepte befragt. Über die Hartz-Studie wird viel diskutiert- auch
kontrovers - nur die gleichen Maßstäbe müssen wir auch ansetzen, wenn es gilt,
andere Reformen auf den Weg zu bringen: Die Gesundheitsreform, die Rentenreform,
die betriebliche Mitbestimmung - überall täte eine "Hartz-Kommission" gut.
Seien Sie kritisch,
weil die Herausforderungen und Aufgaben, die in unserem Land anstehen, sich
nicht nur auf eine Hartz-Studie und die anderer Kommissionen begrenzen lassen.
Auch die Hartz-Studie wäre nur ein Teil einer umfassenderen Sozialordnung. |