zum ersten Mal habe ich die Aufgabe, dieser Ausgabe einige Worte
als Vorwort vorauszuschicken. Auf der Delegiertenversammlung im Februar dieses
Jahres in Hamburg wurde ich als neue Vorsitzende des Vorstands des BVEA gewählt.
Mehr darüber werden Sie in dieser Ausgabe finden.
Mit der Wahl zur Vorsitzenden ist auch das Amt der "Herausgeberin"
dieser Zeitschrift verbunden, und ich begrüsse dies, da ich mich auf diese Aufgaben
freue. Gibt sie uns doch die Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu kommen.
Verbandszeitschriften haben seit jeher eine herausragende Rolle im Verbandswesen
gespielt. Durch sie werden die Mitglieder über die Aktivitäten des BVEA informiert,
vor allem aber sollten Sie diese Gelegenheit nutzen, sich mit eigenen Beiträgen
an unserem Meinungsaustausch zu beteiligen und so zur Meinungsbildung im BVEA
beizutragen.
Mir ist wichtig, in dieser Zeitschrift über soziale Brennpunkte
zu informieren. Denn davon haben wir genug!
Eine der Ursachen dafür ist die Bedeutung des totalen Marktes.
Er hat die Macht über alles. Er wird überschätzt. Er ist das "Goldene Kalb",
um das alle tanzen. Die Wirtschaft lässt "Geld arbeiten". Das Kapital regiert,
immer wieder. Der Mensch tritt in den Hintergrund. Alles ist Ware, käuflich
und verkäuflich.
Wo ist die Gegenmacht gegen diese Äusserlichkeiten? Es gibt
sie, tatsächlich. Und die Kirche leistet dazu ihren Beitrag. Auch der BVEA ist
ein solcher Ort, auf diese Dinge aufmerksam zu machen.
Ein solch großes Dokument, an das ich gerne erinnern möchte,
ist "Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung". Es fordert zur Erneuerung
auf und weist uns den Weg, mit den Menschen und der Natur gut umzugehen.
Die Bundesanstalt für Arbeit hat mit Florian Gerster einen neuen
Leiter bekommen und befindet sich in der Umstrukturierung. Reformen sind angesagt
- auch angekündigt. Werden sie wirklich eingehalten? Haben Politik und die Vertreter
der großen Verbände der Wirtschaft und der Gewerkschaft nun den Mut, etwas anzupacken,
das die international so schlechte Leistung dieser Anstalt mehr für das Leben
der (arbeitslosen) Menschen tut. Die Fachleute sprachen doch schon lange über
die Unzulänglichkeiten in Nürnberg.
Die ACA, die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Arbeitnehmerorganisationen,
hat dazu einen Vorschlag unterbreitet. Die ACA schlägt vor, den Verwaltungsrat
der Bundesanstalt künftig durch demokratische Wahlen bestimmen zu lassen. Die
Sozialwahlen bieten dafür das Beispiel. Warum nicht einmal etwas Neues wagen?
Florian Gerster wünschen wir eine segensreiche Tätigkeit, den
Mut zu handeln und die Weitsicht, soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft
nicht zu übersehen. Doch die Erfahrungen mit der Vergangenheit machen uns skeptisch.
Warum nur mag man nicht so recht glauben, dass es besser wird mit der Arbeitsvermittlung?
Woher kommen in der Tat mit einem Male so viele freie Arbeitsplätze? Oder vielleicht
hören wir doch nur Wahlversprechungen bis zur nächsten Bundestagswahl?
Gesundheitsreform - Rentenreform - Generationenvertrag - Betriebsratswahlen
- Personalratswahlen - Integration fremder Mitarbeiter/innen und ihrer Familien
- etc...
Wir sind der Verband der evangelischen Arbeitnehmerorganisationen
- wir stellen Fragen, wir suchen auch Antworten zu geben, da wir aufmerksam
machen aus einer Wertehaltung heraus, welche die Würde eines Menschen in den
Mittelpunkt rückt. Dazu müssen wir uns eine Basis schaffen, damit wir fragen
können. Wir benötigen dazu Kompetenz und euer Engagement, eure Aufmerksamkeit
und natürlich auch Kritik. Dann finden wir im Dialog etwas, das uns auf dem
Weg zur Lösung weiterbringt. Da liegt ein gutes Stück Arbeit vor uns im Bundesvorstand
und in den Landesvorständen.
Mir ist es wichtig, dass wir uns kompetent zu Wort melden und
christlich-ethische Überzeugungen nicht nur dort einfließen lassen, wo unsere
Werte missachtet werden. Wir treten für eine menschenwürdige Welt der Arbeit
ein.
Es ist aber natürlich eine schwierige Sache mit den christlich-ethischen
Werten. Sich zu diesen Werten in unserer Gesellschaft zu bekennen, wird oft
auch von uns selbst nicht eingelöst. Dabei sagen ernstzunehmende Prognosen voraus,
dass Freikirchen und Sekten in den nächsten 40 Jahren ihre Mitglieder verdoppeln
werden. Die großen christlichen Kirchen aber stagnieren oder schrumpfen gar,
wenn der Trend der letzten Jahrzehnte anhält. Erschreckender aber ist eine andere
Tatsache: Die junge Generation ist nach einer Umfrage an den bestehenden Religionen
eigentlich überhaupt nicht interessiert - mit sinkender Tendenz! Das ist eine
ernste Sache für unsere Zukunft. Der BVEA wird sich daher mit diesen Problemen
demnächst befassen, sie sind zu grundlegend für die Kirche und für uns.
Und, liebe Leserinnen und Leser, nicht zuletzt ein Wort zum
Frieden - für den Frieden in unserer Welt, die vom Kriegslärm nur so widerhallt.
Das kann so nicht gut sein, was wir in den letzten Wochen Tag
für Tag in den Medien vorgesetzt bekommen haben. Der Einsatz von Macht ist nicht
von vornherein ein Fortschritt. Zu diesem Thema fand ich ein paar nachdenkenswerte
Worte von Romano Guardini, die er direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
niedergeschrieben hatte. Sie haben traurige Aktualität: "Der Mensch hat Macht
über die Dinge, nicht aber - sagen wir zuversichtlicher: noch nicht Macht über
seine Macht. Der Mensch ist frei und kann seine Macht gebrauchen, wie er will.
Eben darin aber liegt die Möglichkeit, sie falsch zu brauchen; falsch im Sinne
des Bösen wie des Zerstörenden. Was garantiert den rechten Gebrauch? Nichts."
Mit herzlichen Wünschen für eine gute Zusammenarbeit mit Ihnen
bin ich
Ihre Brunhild Bald