Wir können heute eine lange Menschheitsgeschichte überblicken.
Von den Anfängen etwa in Babylonien im 5. Jahrtausend vor Christus bis in unsere
Tage sind dies rund sieben Jahrtausende, aus denen wir schriftliche Aufzeichnungen
besitzen, von der schriftlosen Zeit vorher ganz zu schweigen. In diesen Jahrtausenden
hat sich vieles ereignet und man könnte die Geschehnisse in drei verschiedene
Kategorien einteilen. Ereignisse, die nur vorläufig die Menschheitsgeschichte
bestimmt haben, solche, die weitreichende Folgen hatten und schließlich auch
Geschehnisse, die für die Ewigkeit Bedeutung haben.
Schauen wir als Erstes in unser eigenes Leben: Das Hier und
Jetzt ist vorläufig, vieles, das uns jetzt bewegt oder gar ängstigt, das kann
morgen schon vorüber sein. Daneben steht das Weiterblickende, die Lebensplanung,
die sich über Jahrzehnte erstrecken kann. Aber dann kommt der Tod - und was
ist dann? Hier gilt dann das, was uns für die Ewigkeit gesagt ist, hier werden
Glaubensaussagen dann ganz konkret.
Einen größeren Rahmen kennt die Menschheitsgeschichte. Doch
auch hier gibt es Vorläufiges. Denken wir etwa daran, wie viel Kulturen und
Staaten es auf dieser Erde schon gab und wie viel davon vergangen sind. Auch
Staaten und Kulturen haben ihre Zeit, sind in ihrer Art ein Stück der Vorläufigkeit:  |
Im Mittelalter hielt man viele Dinge
für ewig. Die Kirche, so sagt man, dachte nicht in Generationen, sondern in
Jahrhunderten. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation galt als ein ewiges
Reich, doch 1806 war es zu Ende. Auch Adolf Hitler sprach von einem tausendjährigen
Reich, aber es währte nur zwölf Jahre und ging in Blut und Tränen unter. Alles
ist nur vorläufig, nicht ewig!
Heute eilen die Zeiten viel schneller dahin als früher. Generationen
folgen schneller aufeinander, Menschen leben unruhiger und sind immer mehr in
den vorläufigen Geschehen verhaftet, ohne Blick auf das Kommende oder gar das
Ewige.
Sehen wir einmal in die Gegenwart: Bei uns ist wieder Wahl
und der Wahlkampf ist in vollem Gange. Da werden oft Visionen von einer besseren
und schöneren Zukunft geboten, man fühlt sich weitblickend - und doch steht
das Vorläufige im Vordergrund. Dringende Probleme werden diskutiert und im Wahlkampf
leider auch oft zerredet, ver- kommen dadurch zu Eintagsfliegen und ihre Tiefe
und Wichtigkeit wird nicht begriffen oder überspielt. |
Fragen wir uns: Halten sich hier in unseren Tagen das Vorläufige
und das Weiterblickende die Waage? Die Frage ist schwer zu beantworten: Aber
wir sollten wissen: Gerade in einer Zeit des Ringens um die Macht im Staat:
Menschen kommen und gehen, doch das Volk, der Staat bleibt. Deshalb ist Vorläufiges
hier nicht allein entscheidend, sondern es muss weitblickend gedacht und gehandelt
werden. Man sollte immer wieder nach den Grundlagen aller Probleme fragen: Unsere
Kultur, unser Land steht auf einer religiösen, nämlich christlichen, und auch
philosophischen Grundlage, die vor allem seit dem 18. Jahrhundert und auch vorher
schon in Staatstheorien ihren Ursprung hat.
Wenn heute die Meinungen aus den verschiedenen Gruppierungen
und Parteien auf uns einstürmen, dann sollten wir uns fragen, wo wirklich im
Blick auf eine gute Zukunft weitblickend gedacht wird und inwieweit auch das
Ewige, eben dieser Glaube, mit eine Rolle spielt. Dabei sollte man immer wissen,
dass christliche Einstellung etwa zu den Tagesfragen nicht an eine bestimmte
Partei gebunden ist, sondern die besondere christlich-ethische Einstellung ist
parteiunabhängig.
Unser Schriftwort spricht von den Zeichen dieser Zeit, die
wir beurteilen sollen. Diese Zeichen gab es in der Vergangenheit und wird sie
immer und auch in Zukunft geben. Wenn wir dann heute unsere Probleme sehen,
etwa im Bereich des sozialen Handelns, der Wirtschaft, im Staat usw., dann sollte
stets dieser Weitblick im Vordergrund stehen, der wirklich das Heil der Menschen
im Auge hat. Und angesichts des Ewigen sollten wir dann entscheiden, was wir
selbst verantworten und wo wir uns bestimmten Meinungen anschließen wollen.
Bedenken wir doch einmal: Auch wir - jeder Einzelne - haben
eine Verantwortung vor der Geschichte und vor Gott, der eine mehr, der andere
weniger. Aber wir alle tragen Verantwortung für die Zukunft, die die Menschheit
weiterführen und nicht in neues Unglück stürzen soll. Denken wir deshalb in
dieser Zeit des Ringens um Meinungen und Programme daran, dass wir dies eigentlich
alles angesichts des Ewigen entscheiden und tun sollen. Denn Jesus Christus
ist da, nicht umsonst legt er nicht nur damals, sondern auch uns heute diese
Frage vor:
Könnt ihr denn nicht über die Zeichen dieser Zeit urteilen?
Ekkehard Herrmann Theologischer Berater, Vorstand BVEA |