Im 19. Jahrhundert war Zeilsheim ein kleines katholisches Dorf, das zu Höchst
gehörte. Die in die Höhe schießenden Fabriken, allen voran die Höchst-Farben
AG, brauchten auf einmal viele Arbeiter. Die kamen dann auch - vor allem aus
dem Handwerk und der Landwirtschaft und bescherten Zeilsheim einen erheblichen
Bevölkerungszuwachs.
Die neuen Arbeiter wurden aus den dörflich-familiären Strukturen gerissen,
die ihnen bisher Halt geboten hatten. Die Tätigkeit in den Fabriken verstärkte
die Entfremdung und Vereinsamung. In dieser Situation gründeten am 15. Dezember
1901 in Zeilsheim 22 evangelische Arbeitnehmer einen evangelischen Arbeiterverein.
Man wollte sich eine neue Heimat schaffen, indem man nach Feierabend die Geselligkeit
pflegte.
Auf der anderen Seite stand die Weiterbildung der Mitglieder. Die sollte das
Selbstwertgefühl der Arbeiter heben und zu einer aktiven Auseinandersetzung
mit den Problemen der entstehenden Industriegesellschaft führen. Unter diesen
Prämissen entstanden um die Jahrhundertwende zahlreiche konfessionelle Arbeitervereine
im ganzen Reichsgebiet. Aus der Politik hielt man sich - im Unterschied zu
den Gewerkschaften - von Anfang an heraus.
In den Jahren nach seiner Gründung führte die Entwicklungskurve
des Zeilsheimer Vereins steil nach oben. Er war der örtlichen Kirchengemeinde
nicht nur verbunden, sondern bildete deren Rückgrat. Wer in den Kirchenvorstand
gewählt werden wollte, musste Vereinsmitglied sein. Jugendgruppen, Frauenkreis
und Kirchenchor hatten dort ihre Wurzeln und auch die Pfarrer von Zeilsheim
und Sindlingen waren im Arbeiterverein engagiert. Eine Theatergruppe fand
sich zusammen und eine Gemeindebücherei wurde eröffnet. 1925 gründete der
Verein eine Sterbekasse. Für 30 Pfennig im Monat gab es - je nach Eintrittsalter
- nach nur drei Monaten Wartezeit ein Sterbegeld von 30 bis 250 Reichsmark.
Im Jahr 1930 hatte der Arbeiterverein 129 Mitglieder. Drei Jahre später endete
diese Entwicklung abrupt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten
begann auch in den Vereinen die "Gleichschaltung". 1941 stellte der Zeilsheimer
Vereine seine Arbeit ein.
Erst nach Kriegsende konnte man zu den satzungsgemäßen
Aufgaben zurückkehren. Der Neuanfang war allerdings schwer. Chor, Frauen-
und Jugendgruppen verselbstständigten sich. 1966 zählte der Verein gerade
noch 30 Mitglieder. Hinzu kam eine rückständige Satzung, die erst 1975 geändert
wurde. Erst danach war es auch für Frauen möglich, stimmberechtigte Mitglieder
zu werden.
Innerhalb des Mittelrheinischen Verbandes Evangelischer
Arbeitnehmer e.V. ist Zeilsheim der einzig verbliebene Ortsverein. Anderswo
sieht es besser aus. Starke Landesverbände wie der von Nordrhein-Westfalen
verfügen noch immer über ein dichtes Netz von annähernd 100 Ortsvereinen.
Die Dachorganisation, der Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen
(BVEA) hat heute noch 50.000 Mitglieder in 20 Landesverbänden.
Die Formen des Angebots haben sich in Zeilsheim kaum verändert,
die Probleme allerdings auch nicht. Man trifft sich jeden ersten Mittwoch
im Monat und verbringt seine Zeit in geselliger Runde. Regelmäßig werden Fachreferenten
eingeladen, die dann zu Themen wie "Gewalt im Alten Testament", "Apartheid
in Südafrika" oder "Europa und der Euro" sprechen. Der Höhepunkt im Programm
des Vereins ist die jährliche Studienreise.
51 Personen gehören dem Arbeitnehmerverein heute an. In
der Alterstruktur liegt auch das Kernproblem für die Zukunft. Da ist sich
der amtierende Vorsitzende Bernd Blecker sicher: "Wenn es uns nicht gelingt,
Jugendliche für uns zu interessieren, werden wir auch nicht überleben". Man
hat versucht, thematisch zu reagieren - mit einem Vortrag zum Thema "Gewalt
an Schulen". Erreicht hat man die Jugendlichen damit nicht. Auf der nächsten
Jahreshauptversammlung wollen die Mitglieder nun beraten, was weiter zu tun
ist.
Jörg Echtler
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