Archiv 2001 - Rundschau der Evangelischen Arbeitnehmer Ausgabe 4-2001
Kluge Köpfe und baltische Wurzeln |
Über die Schwierigkeiten beim
Jugendaustausch zwischen Ost und West |
Der RAKÜ e.V. hat 50 Mitglieder,
sie sind bestrebt weitere zu überzeugen und zu gewinnen. Der Jahresbeitrag
beträgt 50 estnische Kronen, Studenten zahlen erheblich weniger, ihr Mindestbeitrag
ist mit fünf Kronen abgegolten.
Die Esten haben zwei Währungsreformen hinter sich bringen müssen. Immer mit
Verlusten für die Sparer. Die Umstellung auf die Marktwirtschaft brachte von
Beginn an eine feste Anbindung an die Deutsche Mark im Verhältnis 1 DM zu
acht Kronen. Das soll nach der Umstellung auf den Euro so bleiben.
Klein aber fein
Estland ist etwas größer als Dänemark, es hat 1,5 Millionen Einwohner.
Davon sind 63% Esten und knapp 30% Russen. An unverfälschter Natur hat
das Land viel zu bieten, große Wälder, rund 1000 Seen, puderfeine Sandstrände.
In der Altstadt Tallinns fühlen sich Deutsche wie in Lübeck.
Monatliche Fischfang: 3.275 Kronen (EEK), Industrie: 4.741, Verwaltung:
5.659, Transport, Kommunikation: 5.939, Finanzdienstleistungen: 10.699,
Bildung: 3.037 (Bruttolöhne ohne Lohnnebenkosten, inklusive Urlaubsgeld,
gilt für 2000) |
Das feste Verhältnis zur DM war eine der Voraussetzungen für den wirtschaftlichen
Aufstieg des Landes, und ist es auch für die Aufnahme in die EU. Mit dieser
Sicherheit der Währung konnten Investoren ins Land geholt werden, war es möglich,
die maroden Fabriken neu einzurichten, Straßen und Wohnungen zu bauen. Eine
Fahrt durch das weite Land zeigt jedem, was die Sowjets an Bausubstanz hinterließen,
wird nur noch wenige Jahre funktionsfähig sein.
Das Währungsgefälle zwischen Krone und DM bietet für Touristen einen hohen
Anreiz. Nachdem sich herausstellte, wie sehr einige Industriebranchen beschädigt
wurden und nicht wettbewerbsfähig sind, ist der Tourismus eine der großen
Hoffnungen für neue Arbeitsplätze. Ein Mehr an äußerer Sicherheit traut die
Mehrheit der Esten der NATO zu, während noch viele, vor allem die Landbevölkerung,
sich von der EU weniger versprechen
|

Maire Lukas und Leili Küttner,
Vorstand des RAKÜ Estland
|
Es gibt keine starken Gewerkschaften wie in Deutschland, sagte
Leili Küttner, dennoch hätten sie einige Reformen angeregt und durchgesetzt.
Manchmal erkennt der Beobachter in den Städten gegensätzliche Bilder, da gibt
es gut eingerichtete Fabriken ebenso wie hochmoderne Fotoläden, deren Service
mit jedem Geschäft in Köln mithalten kann. Vereinzelt spielen auf den Geschäftsstraßen
junge Musikstudenten und warten auf die Kronenstücke der Flaneure. Vereinzelt
sind Bettler zu sehen, in den Parks schauen ärmlich gekleidete Rentner in
die Papierkörbe. Die Sowjets hinterließen kein funktionierendes Sozialsystem,
leider.
In der Mittagszeit strömen junge Angestellte und Studenten
in die Restaurants, auf den Straßen sieht man sie mit raumgreifenden Schritten
enteilen. Gedeckter Anzug, weißes Hemd, Krawatte. Die jungen Frauen mit hübschen
Schuhen und Jackenkleid und bunten Blusen. Darunter auch der neue Typ, der
seine Jugend und seine Bereitschaft zur Leistung vor sich herträgt.
In den Staaten an der Ostsee ist der europäische Geist wieder
lebendig geworden, der Geist, den die Vorfahren, die Balten, einst prägten.
Erwin Ortmann, Köln
|
"Am Anfang war alles neu und das Interesse groß, aber nun, nach zehn Jahren,
hat es nachgelassen." - Leili Küttner, blond und lebhaft, ist die stellvertretende
Vorsitzende des Vereins zur Förderung internationaler Beziehungen in der Jugend-
und Erwachsenenbildung RAKÜ e.V. in Tallinn. Sie sagt diesen Satz ohne einen
leisen Vorwurf in der Stimme. Maire Lukas, die 1. Vorsitzende, stimmt nach
der Übersetzung lebhaft zu. Und Leili fügt hinzu: "Die alten Freunde sind
geblieben".
Die alten Freunde kommen aus der Gruppe der evangelischen Arbeitnehmer in
Hamburg. Die Verbindungen knüpfte Diakon Dieter Herrmann. Er hatte schon immer
ein Schwäche für die Menschen an der Ostsee, war oft in Finnland und kam dann
mit einer Gruppe nach Tallinn. Der RAKÜ in Hamburg und Tallinn pflegen enge
Beziehungen.
Leili Küttner hat einen festen Arbeitsplatz am Staatlichen pädagogischen
Seminar, sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Aber die Studenten, die
Deutsch lernen, werden immer weniger. Englische Sprachkenntnisse sind sehr
begehrt.
Die Einkünfte aus dem Seminar reichen also nicht mehr aus, sie hat andere
Möglichkeiten gesucht und gefunden. So wie viele Esten mit mehreren Arbeitsstellen
leben.
Maire Lukas, die 1. Vorsitzende, ist Lehrerin für
Kinderliteratur, zugleich ist sie stellvertretende Direktorin einer Ballettschule,
auch sie ist gut ausgelastet mit ihrer Arbeit.
Beide Frauen und der Verein wollen den Austausch
zwischen Esten und Deutschen vertiefen, sie möchten aber auch andere Organisationen
und Vereine mit auf diese Spur nehmen. Es soll nicht nur ein Austausch von
Studenten bleiben. Das Studium am Staatlichen Seminar in Tallinn umfasst drei
Jahre. Danach gibt es Möglichkeiten für Sozialpädagogen in Kindergärten und
staatlichen Zentren.
|
|

|
|